9.3 Die Halle-Studie

Die so genannte Halle-Studie befragte dreißig ehemalige politische Häftlinge in der DDR „zu Ursachen und Umständen ihrer Verhaftung, zu Bedingungen in Gefängnissen und Lagern, zu Bewältigungs- und Verarbeitungsmechanismen und zu seelischen und körperlichen Folgen ihrer Haft“ (S. 57). Sie alle wurden bereits in jungen Jahren verhaftet, hatten damit allerdings nicht gerechnet und erlebten somit die über sie hereinbrechenden psychischen und physischen Bedrohungen als eine massive traumatische Lebensbedrohung, bei der alle gewohnten und im Alltag verwendeten Abwehr- und Copingstrategien versagen mussten. Zu diesem Zweck entwickelten sie während der Haftzeit, als das Trauma also chronisch wurde, unterschiedliche Strategien, mit Hilfe derer sie überlebten. Die Studie legte nahe, diese in vier verschiedene Zeiträume einzuteilen:
- Phase der Verhaftung
- Phase der Haft
- Phase nach der Haft bis 1989
- Phase nach der Haft ab 1989

Die erste Phase der Verhaftung ist durch ein plötzlich über den Beschuldigten hereinbrechendes Martyrium aus Ungewissheit, Gewalt und latenter wie realer Bedrohung gekennzeichnet. Da die wenigsten Menschen auf solche Extrembelastungen vorbereitet sind, kam es in der Regel zur Regression ansonsten wichtiger kognitiver rund emotionaler Erlebnisinhalte auf ein Minimum, das Einteilen der Welt nach infantilen Mustern (Projektionsbild: Freund-Feind) und die Introjektion ehemaliger Vertrauenspersonen. Nur mit Hilfe dieser Abwehrmechanismen konnte in vielen Fällen die völlige Isolation überwunden werden; zugespitzt gesagt durch eine Spaltung der eigenen und Übernahme vertrauter Persönlichkeit. Immerhin ging es – das war auch den Gefangenen bewusst – im Ernstfall um Leben oder Tod.

„Entsprechend den Abwehrmechanismen sind auch die Copingmechanismen eher restriktiv auf das existentielle Überleben von Körper und Seele gerichtet. Wir fanden hilflose Wut, Dekompensation, dann Resignation, völligen Rückzug in sich selbst, oft mit Selbstbeschuldigungen vor allen Dingen in Hinsicht darauf, daß es ihnen nicht gelungen war, die Verhaftung zu verhindern.“ (S. 58f.)

An die Inhaftierungsphase schloss sich die eigentliche Haft an. Sie begann damit, dass es ein Urteil gegeben hatte, mit dem der Gefangene sich zuerst psychisch auseinandersetzen musste. Das ging oft einher mit Selbstvorwürfen und Selbstmordgedanken (man spricht von autoaggressivem Verhalten) und konnte hochgradige Depressionen verursachen. Es schwankt von Fall zu Fall, wie rasch ein Betroffener mit dieser schwierigen Situation fertig wurde, manchem gelang es binnen Tagen, andere benötigten viele Monate dazu. Erstere hatten es freilich sehr viel leichter, da zum Leben in einem Gefängnis auch die Manifestation eines neuen Bildes vom Menschen und der Welt kommt. Die Gesetzmäßigkeiten und Regeln von ‚draußen’ gelten hier nicht mehr. „Die Lagerbedingungen und die Behandlung durch das Wachpersonal wurden durch Rationalisierung und Verschiebung verarbeitet. Der Weg über den Körper, die Somatisierung, war zumeist die einzige Möglichkeit zum Darstellen und Ausleben von Affekten. Diese Form der Verarbeitung haben wir als Abwehr- und Copingstil I bezeichnet“ (S. 60). Es zeigte sich, dass dieser Stil eindeutige Vorteile im Umgang mit der Situation wie auch der späteren Lebensbewältigung mit sich brachte.

Unterstützt wurde er durch ausgeprägte soziale Kontakte, wie Lagerfreundschaften. Dafür soll hier ein Beispiel zitiert werden. Es geht um einen Häftling, der ab 1947 10 Jahre im Arbeitslager Sachsenhausen einsaß, in eckigen Klammern die zu Tage tretenden Abwehr- und Bewältigungsmechanismen:

„Ich wurde in Sachsenhausen in einer Holzbaracke untergebracht, die mit dreistöckigen, eng aneinander stehenden Holzbetten ausgestattet war, für 100 Leute ausgelegt und mit 300 Leuten besetzt. Es wahr sehr kalt, das Essen war schlecht, es gab morgens einen halben Liter Kaffee und einen halben Liter Grütze, die weitgehend aus Wasser bestand, mittags Kohlsuppe mit Fisch, 300 Gramm Brot, 200 Gramm Zucker oder Marmelade, abends einen halben Liter Kaffee und einen halben Liter Grütze, Fett habe ich die ganze Zeit nicht gesehen, ebenso Fleisch und Wurst. Ich habe mich jedoch immer dazu gezwungen zu essen, bei jeder Mahlzeit konsequent alles zu verzehren und es nicht wie andere liegen zu lassen und aufzuheben, zu sammeln, um sich einmal satt essen zu können. Dies hätte nur dazu geführt, daß das Essen schlecht geworden wäre oder von Ratten infiziert, und schließlich wäre es dann zu Durchfällen, oft mit Todesfolge, gekommen [Rationalisierung, Problemanalyse]. Meine Konsequenz und Disziplin in dieser Hinsicht hat mir oft das Leben gerettet. Wichtig ist auch gewesen, daß ich von Anfang bis Ende der Haft mit einem Bekannten aus meinem Heimatort zusammengewesen bin und daß wir uns haben viel helfen können [konstruktive Aktivität]. Wir haben uns viel miteinander beschäftigt, haben uns viel Mut und Kraft gegeben [Altruismus, Solidarisierung], haben uns über Landwirtschaft und Natur unterhalten, was uns beide interessiert hat, und uns untereinander auch über alle Wissensgebiete abgefragt und darüber erzählt [Sublimierung]. Oft haben wir auch im Lager nach Unkraut gesucht [Zupacken], mit dem wir unserer Suppe eine Vitaminzulage geben konnten. So haben wir z.B. regelmäßig Melde gesammelt. Auch der Gedanke an meine Frau hat mir viel Kraft gegeben, auch wenn für die ganze Zeit der Haft keinerlei Kontakt bestanden hatte, die Briefe der Ehefrau nicht bei mir ankamen und ich nur einmal schreiben durfte.“ (s. 60f.)

Abwehr- und Copingstil II ist weit weniger geeignet, mit den schwierigen Bedingungen einer Haftsituation umzugehen. Hier hält die anfängliche Reaktion nach der Urteilsverkündung an; der Betroffene stellt sich gegen sein eigenes Selbst und verleugnet die gesamte Situation. Es entsteht ein Zerrbild welches zu „einer vollständigen Unterdrückung von Affekten […] und zu einer Abwehr der eigenen Situation durch Omnipotenzphantasien und Identifikation mit dem Angreifer“ führt. Der Gefangene beginnt also, mit einer falschen Wahrnehmung geschlagen, Konflikte zwischen sich und den Mitgefangenen, aber auch den Wachen zu schüren. Dadurch wird die vom MfS beabsichtigte Isolation durch eigenen Antrieb noch verstärkt und weitere drakonische Strafen provoziert. Ernsthafte psychische Störungen nach dem Ende der Haft scheinen unvermeidbar und können heute auch festgestellt werden. Wieder können die Zusammenhänge in einem Schaubild verdeutlicht werden.

Doch auch nach der Entlassung aus den Haftanstalten waren die Probleme der Inhaftierten nicht gelöst. Zumeist sahen sich enormem Druck ausgesetzt, der auch weiterhin durch das MfS ausgeübt wurde und sich in Kurzverhören oder einer offensichtlich gestalteten weiteren Bespitzelung äußerte. Doch auch die Gewissheit, dass die Staatssicherheit jederzeit erneut beschließen konnte, einen Haftbefehl zu vollstrecken, hielt viele in latenter Angst.

Hinzu kam, dass man aufgrund der Schikanen auch nicht über die Erlebnisse sprechen konnte und durfte, außer vielleicht im engsten Familienkreis. Das führte zu weiteren Verdrängungsmechanismen. „Die vorhandenen Affekte wurden durch Rationalisierung, Verschiebung und Verlagerung verarbeitet“ (S. 63). In vielen Fällen wurde die Isolation auch durch die in der DDR herrschenden gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse gefördert, so fiel es beispielsweise vielen schwer, nach der Haftzeit noch eine berufliche Karriere jedweder Form absolvieren zu können, da stets neu auf die Haft verwiesen wurde.

Den Betroffenen gelang es in vielen Fällen nicht, die Erlebnisse in ‚positive’, dass heißt gesellschaftlich anerkannte und persönlich fördernde Kanäle abzuleiten. „Nur einem sehr kleinen Teil der Betroffenen gelang es, eine Haltung der Antizipation, Sublimierung, konstruktiven Aktivität und Valorisierung zu entwickeln, alle gemachten und durchlebten leidvollen Erfahrungen in Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft und Solidarität mit anderen Menschen umzusetzen und sich damit auch von den eigenen seelischen Folgen der Haft zu einem großen Prozentsatz zu befreien.“ Alle anderen leiden an psychosomatischen Erkrankungen, viele werden depressiv.

Erst nach 1989 konnten die ehemaligen Häftlinge über ihre Erlebnisse reden, sie fanden ein Auditorium. Diese Möglichkeit hatte aber nicht ausschließlich Vorteile: manchem wurden die Affekte binnen kurzem zu viel, die Erinnerung kam plagend wieder hoch. Oft war auch der erneute plötzliche Wandel von Werten und Normen der Gesellschaft ein neuerlicher Schock, der an das bislang Erlebte anknüpfte. Bis 1989 hatten nicht wenige die Erlebnisse schlecht oder recht verarbeitet und übernahmen sich nun in manchen Fällen. Körperliche Beschwerden, Schlafstörungen und Ängste überkamen sie von neuem.

Hinzu kam, dass bereits nach wenigen Jahren das Interesse an der Geschichte der ehemaligen Häftlinge wieder deutlich abflaute. Viele frühere DDR-Bürger hatten nur das Bedürfnis, die Geschichte schnell hinter sich zu lassen und ein neues Leben in der BRD anzufangen und zwar ohne Altlasten. Und solche riefen die Häftlinge hervor, denn ein Scham- und Schuldgefühl existierte in weiten Kreisen der Bevölkerung. Außerdem wussten viele Bürger der Bundesrepublik nichts oder kaum etwas über die Vorgänge und die ‚Ostdeutschen’ wollten eine rasche Assimilation. Deshalb nahmen sie die Passivität der Westdeutschen an. Die Entschädigungen für die Haft kamen zu einer Zeit, da die Wirtschaft nicht wie erwartet florierte, sondern stagnierte. Kurzum: die Opfer von damals fühlten sich erneut als Opfer, als verraten und verkauft.

„Wir konnten erneut den Rückgriff auf unreife Abwehr- und Bewältigungsmechanismen, auf Isolation, passiv-aggressives Verhalten, sogar paranoide und schizoide Phantasien erleben. Die Befragten zeigten Rückzug, Resignation und ein erneutes Unterdrücken emotionaler Inhalte. Die ehemaligen Häftlinge sprachen von Verbitterung, einem wiedereinsetzenden Prozeß der Vereinsamung und des Rückzugs auf körperliche und seelische Beschwerden“ (S. 67).


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