9.2 Die Dresden-Studie

Im Jahr 1994 begann eine neue Studie, welche sich mit den gegenwärtigen Befindlichkeiten bzw. psychischen Zuständen der Betroffenen politischer Haft in der DDR zwischen 1949 und 1989 beschäftigte und sich auch den Ursachen widmete. Es muss dazu gesagt werden, dass zur Entstehungszeit der Quelle das Forschungsprojekt noch nicht abgeschlossen war und somit nur eine erste Auswertung vorgenommen werden konnte.

Als Arbeitsergebnis formulierte man zunächst, dass posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS, in der Literatur auch nach der englischen Bezeichnung mit PTSD abgekürzt) sich hauptsächlich im unwillkürlichen Erinnern an bestimmte Ereignisse sowie Vermeidungs- und Rückzugsverhalten und chronischer Übererregung zeigt. Während Erinnerungen und Erregungen mit 87% bzw. 64% recht stark ausgeprägt sind, fällt vermeidendes und zurückziehendes Verhalten mit 32% der Untersuchten recht gering aus.

„Bei anderen Opfergruppen, wie Kriegs- und Naturkatastrophenopfer, sind dagegen die Verhältnisse zwischen den drei Symptomgruppen annähernd ausgeglichen. […] Dieses Ergebnis läßt sich noch nicht endgültig interpretieren. um einen könnte es auf eine besondere Charakteristik der ehemals Inhaftierten hindeuten, die – nicht zuletzt nach der Wende – versucht haben, sich aktiv in politische und soziale Belange einzuschalten. Eine zweite Interpretation liegt allerdings ebenso nahe: Es kann sein, daß durch die Methode der Suche nach freiwilligen Untersuchungsteilnehmern nur vergleichsweise aktive Personen zur Mitarbeit veranlaßt werden, während es durchaus auch solche ehemals Inhaftierte geben könnte, die bis heute sehr zurückgezogen leben.“ 1

Es wurde weiter festgestellt, dass etwa ein Viertel der Probanden noch heute an Symptomen leiden, die sich unter PTBS subsumieren lassen. Dafür, dass durchschnittlich seit der Verhaftung bereits 28 Jahre vergangen waren, ist das eine erstaunlich hohe Zahl. Dabei sind die genauen Symptomausprägungen sich recht ähnlich. Beispielsweise ist es vielen Fällen gemein, dass Klaustrophobie als spezielle Form der Angst viele Betroffene heimsucht, oder auch, um den psychosomatischen Gesichtspunkt nicht aus den Augen zu verlieren, Schwächeanfälle und hypochondrische Anwandlungen. Insgesamt kann geschlussfolgert werden, dass die Traumatisierung in den Haftanstalten des MfS besonders stark ausgeprägt gewesen sein muss und danach auch keine therapeutisch wirksamen (Eigen-)Initiativen ergriffen worden sind. Das ist nicht zuletzt auf die Schweigepflicht nach der Haft zurückzuführen.

Heute äußern sich die Posttraumatischen Belastungsstörungen in erster Linie in impulsivem bis aggressivem Verhalten, das ein Zusammenleben mit anderen Menschen, auch der eigenen Familie, in vielen Fällen erheblich beeinträchtigen dürfte. Doch die damaligen Opfer machen auch nach den Aussagen der Dresdner Studie nicht nur negative Erfahrungen in der Folge ihrer Haft. So berichten sie beispielsweise, sich von finanziellen Problemen heute weniger stark beeinflussen zu lassen, als das vorher der Fall war. „Manche Inhaftierte beschreiben die Hafterlebnisse als ‚soziale Schule’, die bei ihnen Toleranz und Verständnis gegenüber Andersdenkenden gefördert hätte. Viele ehemals Betroffene heben hervor, daß das kameradschaftliche und solidarische Verhalten der politisch Inhaftierten untereinander eine wertvolle Erfahrung gewesen sei.“ 2

In einer späteren Publikation halten die Autoren Denis und Priebe auch fest, welche Erscheinungen außerdem auftreten, sich aber nicht zu den Posttraumatischen Belastungsstörungen rechnen lassen (es gibt aber hierfür schon den Begriff „komplexe PTBS“):

- „Störungen der Gefühls- und Impulsregulation (vor allem um Schwierigkeiten im Umgang mit Wut und Ärger),
- dissoziative Symptome [„sind gekennzeichnet durch den teilweisen oder völligen Verlust der normalen Integration, die sich auf Erinnerungen der Vergangenheit, Identitätsbewußtsein und unmittelbare Empfindungen sowie die Kontrolle von Körperbewegungen bezieht“, a.a.O.]
- selbstzerstörerisches und suizidales Verhalten,
- Beeinträchtigung des Identitätsgefühls und interpersonelle Störungen wie die exzessive Beschäftigung mit Rachegefühlen oder
- Ausgeprägtes Misstrauen und Sinnverlust.“
3

Die Übersicht ist weitgehend selbsterklärend. Sie zeigt auf, welche Faktoren letztendlich ausschlaggebend für das Auslösen eines Traumas sein können und in welchem Verhältnis sie zueinander stehen. Es muss darauf hingewiesen werden, dass nicht immer jede Zuordnung eineindeutig ist, also nach mathematischer Logik zwar hin- aber nicht zurückverfolgt werden kann. Das trifft beispielsweise auf die soziale Integration zu, deren Vorhandensein zum Schutz, deren Fehlen hingegen zur Bedrohung werden kann, so dass die Zuordnung stets im Kontext gesehen werden muss. Wen weitere psychologische Details und fundamentierte Herleitungen bzw. experimentelle Nachweise interessieren, möge bitte in der zitierten Literatur, S.51f. nachlesen. Für unsere Zwecke genügt die Übersicht als solche vollkommen.

Weiterhin ist noch der Umstand wichtig, dass die Dresdner Studie sich hauptsächlich mit den so genannten ‚aufrechterhaltenden’ Faktoren einer Traumatisierung beschäftigt, da in vielen Fällen die Zeit der Inhaftierung einfach zu lange zurückliegt (teilweise mehrere Jahrzehnte), als dass man direkte Faktoren noch ausfindig machen könnte. Letztere werden im Schaubild durch die Ereignisfaktoren vertreten, erstere durch Risiko- und Schutzfunktionen. Auch hierfür gilt wieder, dass vertiefende Informationen selbst nachzulesen sind.

Eines jedoch kann hier noch genauer wiedergegeben werden: die Aufteilung einzelner Forschungsgegenstände, also der Faktoren. So wurde Traumaschwere eingeteilt in Dauer, Anzahl der erschwerten Haftbedingungen und die historische Phase der Inhaftierung (da die Unterschiede in den Bedingungen zwischen 1950 und 1989 stark sichtbar werden). Des Weiteren führte man die soziale Unterstützung auf emotionale und praktische Unterstützung sowie soziale Integration zurück. Bewältigungsprozesse setzten sich aus Intentionen und dem eigentlichen Verhalten zusammen.


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