9.1 Die Berlin-Studien

Die Berliner Studien wurden 1990/91 durchgeführt und untersuchten 55 Personen (davon 16 Frauen und 39 Männer), die in der DDR in MfS-Untersuchungshaft waren, auf psychische Folgeschäden. Bedingung war, dass die Haft mindestens neun Monate zurücklag. Es gab keinen finanziellen oder sonstigen Anreiz und es kamen Patienten zusammen, deren Haftzeit zwischen sechs Wochen und zwölf Jahren schwankte (durchschnittlich 20 Monate). Haftgründe waren versuchte Republikflucht, Beeinträchtigung staatlicher Tätigkeit, Kontakte zu westlichen Institutionen, Vorbereitungen zum ungesetzlichen Grenzübertritt, Beihilfe zur Republikflucht, landesverräterische Agententätigkeit, staatsfeindliche Hetze, Widerstand gegen staatliche Behörden, öffentliche Herabwürdigung staatlicher Organe sowie demonstrative Arbeitsverweigerung.

Über Beschwerden, die vor, während oder nach der Haft festgestellt wurden, gibt die folgende Übersicht Auskunft: 1

vor der Haft (%) während der Haft (%) nach der Haft (%) Zeitpunkt der Untersuchung (%)
depressive Verstimmung 20 62 55 44
Schlafstörungen 5 56 55 51
allgemeine Angst 15 36 45 42
Nervosität 4 22 31 18
innere Unruhe 2 25 27 15
Mißtrauen 2 4 25 18
Alpträume 0 13 20 20
Kopfschmerzen 0 11 20 20
Konzentrationsprobleme 2 13 18 11
Gereiztheit 2 11 24 24
Kontaktschwierigkeiten 4 4 22 22
Suizidgedanken 0 15 9 7
Aggressivität 2 7 18 13
Mattigkeit 2 7 22 22
Magenbeschwerden 5 4 15 9
Platzangst 0 4 16 13
Herzrasen 5 4 9 7
Grübeln 2 7 11 9
soziale Isolation 5 4 11 9
Appetitlosigkeit 0 0 7 5
Schweißausbrüche 0 4 15 11

Anhand dieser Übersicht kann man gut erkennen, wie allgemeine Befindlichkeiten sich durch Haftbedingungen veränderten. Diejenigen Werte, die schon vor der Verhaftung oft vorkamen, sind der vorhergehenden Bespitzelung und der latenten Bedrohung durch das MfS zuzuordnen. Man sieht aber auch, dass Werte sich während der Haft enorm verschlechterten bzw. an Häufigkeit zunahmen, so z.B. Schlafstörungen, Nervosität und innere Unruhe. Andere wiederum begannen sich erst danach auszuprägen. Beispielhaft wird dies an Kontaktschwierigkeiten, Mattigkeit und vor allem auch Misstrauen deutlich.

Die Studie ermittelte außerdem, wodurch sich die politischen Gefangenen am meisten belastet fühlten. Auch dies kann wieder anhand einer Tabelle veranschaulicht werden: 2

%
Hilflosigkeit gegen Diskriminierung 35
Einzelhaft 25
Ungewißheit 22
Intrigen unter Mithäftlingen 20
keine Kontakte zur Außenwelt 20
schuldlos eingesperrt 20
allgemeine Schikanen 18
alles 18
enge Räume 16
Zusammensein mit Kriminellen 13
schlechte Ernährung / hygienische Bedingungen 11
politische Erziehungsmaßnahmen 9
Haß vom Gefängnispersonal 9
schlechte Arbeitsbedingungen 5
Beobachtungen bei Tag und Nacht 4
Alleinsein 4
keine freie Meinungsäußerung 4
Behandlung wie Kriminelle 4
psychischer Nervenkrieg 4
enger Verschluß bei Transporten 4
Verdacht auf Psychopharmaka 4

Was die Verarbeitung der Erlebnisse anging, so kristallisierten sich bei der Studie zwei Gruppen heraus. Die eine gab an, ihnen habe nach der Haftzeit nichts helfen können, die andere betonte insbesondere das Hilfreiche an Gesprächen mit Freunden und Verwandten, sowie dem Lebenspartner. Unabhängig davon schlossen fast drei Viertel der Befragten unmittelbar von der Haft auf ihre heutigen Beschwerden und sahen einen konkreten Zusammenhang. Der Rest ging von einer geringen Kausalität aus und nur eine Minderheit sah überhaupt keine Verbindungen.

Etwas mehr als die Hälfte der Probanden sprach von einem rein negativen Effekt, ein weiterer großer Teil sah entweder keine Beeinflussung oder sowohl eine positive als auch eine negative. Erstaunlicherweise gab es auch Patienten, die von einem positiven Erlebnis sprachen. „Genannt wurde dabei eine allgemeine Persönlichkeitsreifung, erhöhtes Selbstbewußtsein und die Möglichkeit zu einem bewußteren Leben.“ 3

Nachdem der erste Teil dieser Studie für die Betrachtung der Folgen der „Operativen Psychologie“ hinsichtlich der MfS-Haftanstalten wichtige Erkenntnisse liefern konnte, kann der zweite insbesondere für die Zersetzungsmaßnahmen außerhalb dieser Einrichtungen genutzt werden. Er beschäftigt sich mit den Repressalien, die gegenüber Menschen angewendet wurden, die einen Ausreisantrag gestellt hatten.

Teil zwei bezieht sich darauf, dass oftmals mehrere Jahre vergehen konnten, bis ein Ausreiseantrag bewilligt wurde und dass in der Zwischenzeit großer psychischer Druck auf den Antragssteller ausgeübt wurde. Dazu zog man im Zeitraum zwischen 1992 und 1993 40 Patienten zu einer Befragung heran. Es handelte sich dabei zu gleichen Teilen um Frauen und Männer, bei denen es zwischen vier Monaten und siebeneinhalb Jahren gedauert hatte, bis der Ausreiseantrag entweder bewilligt worden war oder durch den Fall der Mauer obsolet wurde. Als Gründe für die Antragsstellung wurden politische Motive, eine allgemeine Unzufriedenheit mit dem Gesellschaftssystem, die eingeschränkte Meinungsfreiheit, bessere berufliche Chancen in der Bundesrepublik oder das Wiedersehen von Familienmitgliedern angegeben.

In Folge dieser Anträge wurden Zersetzungsmaßnahmen angewandt, wie sie bereits oben geschildert wurden (so z.B. berufliche Einschränkungen, Verhöre, Drohungen). 85% der Probanden entwickelten dadurch während der Antragsstellung psychische Probleme, wie z.B.:
- Schlafstörungen (65%)
- Innere Unruhe (63%)
- Depressive Verstimmung (50%)
- Kopfschmerzen (25%)
- Gereiztheit (23%)
- Rückenschmerzen (18%)
- Appetitlosigkeit, Grübeln und Magenbeschwerden (je 15%)
- Angst- und Panikzustände, Gespanntheit (je 13%)

Die restlichen 15% zeigten diese Symptome erst in der Zeit, als der Antrag sich erledigt hatte. Diagnostiziert wurden vornehmlich depressive- und Angststörungen, posttraumatische Belastungsstörungen sowie somatoforme- und Anpassungsstörungen. Neben den direkten Maßnahmen des MfS wirkten sich auch insbesondere hier die latente Angst und Unsicherheit, Benachteiligungen, Misstrauen sowie die Schuldgefühle gegenüber den in der DDR Zurückgelassenen nachteilig aus. Jeweils die Hälfte der Bittsteller äußerte, dass die Folgen der Antragsstellung positiv bzw. negative gewesen seien, mit ähnlichen Begründungen wie in Teil eins der Erhebung, nur dass der Anteil an positiven Aspekten um einiges größer ist. Auch bei der Frage nach hilfreichen Aspekten gab es Unterschiede zum ersten Teil. Scheinbar aufgrund der weniger als negativ eingestuften Erfahrungen gaben nicht wenige an, ihnen habe nichts helfen können.


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