9.1 ‹berblick

Man kann sich leicht vorstellen, dass die bis zu diesem Punkt geschilderten psychologischen Maßnahmen gegen Menschen nicht ohne Folgen geblieben sind. Im Gegenteil, bis heute leiden sie unter psychischen und psychosomatischen Fehlfunktionen, nicht eingerechnet die wahrscheinlich sehr große Zahl von Opfern, die ihre Vergangenheit zu verdrängen versuchen und nicht damit zu einem Psychologen oder Psychiater gehen, um sich helfen zu lassen.

Christian Pross gibt in dem von Klaus Behnke und Jürgen Fuchs herausgegebenen Buch einen Überblick über die Langzeitfolgeschäden seiner Patienten:

- „Schlafstörungen;
- Gedächtnisstörungen, die Patienten vergessen alles, müssen sich für alltägliche Verrichtungen Merkzettel anlegen;
- Konzentrationsstörungen, die Patienten können nur wenige Minuten bei einer Sache bleiben, nicht mehr Zeitung lesen, keinem Gespräch mehr folgen;
- Gefühlsarmut, die Patienten können weder Ärger, Freude noch Trauer empfinden;
- nächtliche Alpträume;
- Panikzustände nach Reizen, die an die Haft erinnern, z.B. enge Kellerräume, der Anblick von Uniformierten, Geräusche schlagender Türen, Hundegebell;
- Depressionen;
- allgemeines Mißtrauen gegen die Menschen;
- plötzliche unmotivierte Wutausbrüche, die sich gegen Ehepartner, Kinder und Freunde richten können;
- Unfähigkeit zu Beziehungen und Bindungen. Partnerbeziehungen werden plötzlich abgebrochen und häufig gewechselt;
- Gefühl, nicht mehr derselbe zu sein wie früher;
- Rückzug von anderen Menschen, Einsamkeit, Empfinden, von anderen nicht mehr verstanden zu werden;
- Quälendes Kreisen um die immer gleichen Erinnerungen aus der Haft;
- Hineinsteigern in aussichtslose Kämpfe gegen Behörden;
- Voralterung.“
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Er beklagt, dass solche Symptome oftmals nicht auf die Haftbedingungen zurückgeführt, sondern fälschlicherweise anderen Ursachen zugeschrieben würden. So sei experimentell erwiesen, dass bereits eine recht kurze Zeit der Isolation eines Menschen dessen psychische Funktionen nachhaltig stören könne. So nehme er Umweltreize nicht mehr wahr, Kopfschmerzen sowie ein allgemeines Unbehagen setzten öfter ein. Dadurch werde ein ungeheures Kommunikationsbedürfnis erzeugt, dass ein Mensch in solch verzweifelter Situation durchaus auch mit Hilfe des Untersuchungsführers stillen würde. Isolationshaft sei demnach sehr geeignet, um falsche Geständnisse zu erzeugen, da Beschuldigte unabhängig vom Wahrheitsgehalt ihrer Aussage irgendetwas behaupten, um nicht mehr isoliert zu sein, sondern wieder unter Menschen zu kommen, die auch mit ihnen reden.

Doch nicht nur die eigentlichen Bedingungen der Haft, nicht nur Folter und psychische Misshandlungen waren und sind bezeichnend für die posttraumatischen Belastungsstörungen der Patienten, sondern ebenso die Zeit danach. Egal, ob man in die Bundesrepublik entlassen wurde oder auch nach der Haftzeit weiter in der DDR lebte, in vielen Fällen wurden die Erlebnisse weitgehend verdrängt. Der Körper und auch die Seele bauten eine Art Schutzwall gegen die Erinnerungen auf und ließen sie in vielen Fällen erst nach dem Fall der Mauer wieder durch.

Neben den Erinnerungen spielen jedoch auch die Ängste vor einer weitergehenden Überwachung durch das MfS eine grundlegende Rolle – und es handelte sich nun wirklich nicht um unbegründete Vermutungen. In vielen Fällen wurden Opfer das bange Gefühl nicht los, die Spitzel der Staatssicherheit könnten noch immer hinter ihnen her sein und diese beklemmende und unterschwellige Angst verstärkte sicherlich oftmals noch die so schon schweren Folgeschäden.

Das eigentlich Fatale daran ist, dass durch den enormen zeitlichen Abstand die Ursächlichkeiten für gestörtes Erleben und Verhalten nicht mehr richtig erkannt werden. So könnte jemand, der an schweren posttraumatischen Depressionen leidet, sich selbst gegenüber argumentieren, dass ja auch in den vergangen Jahren schließlich nichts mit ihm gewesen sei. Nicht selten war es mehr oder weniger Zufall, dass ein behandelnder Arzt oder auch Psychiater als Grund für die psychischen Störungen tatsächlich Haftbedingungen erkannten, dagegen geschah es des Öfteren, dass man den Leidenden jeden Bezug dazu absprach.
Christian Pross schreibt dazu:

„Die Tücke der psychologischen Folter ist, daß nicht nur Ärzte und insbesondere Psychiater meinen, es handele sich bei den Folgeschäden um eine ‚gewöhnliche’ psychische Erkrankung […], sondern daß auch die Patienten glauben, sie seien verrückt, seien hirnkrank oder ähnliches […].“ 2

Nach dem Fall der Mauer hat es bisher drei Studien (Stand allerdings von 1995) zu psychischen Störungen infolge von Repressalien in den Haftanstalten des Ministeriums für Staatssicherheit gegeben; die Berlin-Studien sowie eine Hallenser und eine Dresdner Studie. Die Ergebnisse sollen hier kurz vorgestellt werden, eine Ausführliche Auswertung ist im Buch „Eingesperrt und nie mehr frei. Psychisches Leiden nach politischer Haft in der DDR“ von Priebe, Denis und Bauer nachzuschlagen.