8. Die Haftanstalten des MfS

Die Untersuchungshaftanstalten dienten als Einrichtungen, in denen Menschen von der Umwelt getrennt und so ohne Störung von außen bearbeitet werden konnten. Im Laufe der Jahre waren die hierbei angewendeten Methoden zunehmend psychologischer Natur und werden dementsprechend auch als „weiße Folter“ bezeichnet. Sie schufen Menschen, „die ihre Wunden nicht auf dem Körper, sondern in ihrer Seele haben.“1

Die Isolation eines „Staatsfeindes“ war besonders erstrebenswert für das MfS, da der Mensch von Natur aus ein Gemeinschaftswesen ist. Am effizientesten ließ Isolation sich in den Haftanstalten der Staatssicherheit realisieren, da hier Untersuchungsführer und Wachpersonal die einzige Umwelt des Häftlings waren. Zudem war es möglich, sehr verschiedene psychische Foltermethoden gegen ihn einzusetzen. Er selbst war zur Gegenwehr unfähig haftblaseund auch Bekannte oder Verwandte waren außer Stande, ihm zu helfen. Dementsprechend breit war die Palette an Zersetzungsstrategien. Sie reichte von der Postsperre, verhinderten Besuchen, Falschinformationen sowie unzureichend geheizten oder überheizten und nachts grell beleuchteten Zellen über die Verletzung der Intimsphäre, den Einsatz von Drogen, Drohungen und lange Verhören bis hin zum Einschleusen von Zellen-IM, Suizid-Tests, verschmutzter Wäsche sowie Anbrüllen und dem Zwang zur Höflichkeit.
All das konnte Menschen zermürben und an sich selbst zweifeln lassen. Zusätzlich beschrieb das MfS in Lehrmaterialien für Untersuchungsführer, wie Vernehmungstaktiken noch verbessert werden könnten. Auf dieser Weise sollten noch mehr Information aus den Häftlingen herausgeholt werden. Es wurde untersucht, wie Stress gefördert werden kann, unter welchen Bedingungen Beschuldigte zu Geständnissen bereit sind und auf welche Art und Weise ihre Persönlichkeit angegriffen und zerstört werden kann.
In vielen Fällen fehlte den Betroffenen hinterher ein Lebenssinn, sie fühlten sich allein und verloren darüber ihre gesellschaftliche und politische Kritik gegenüber dem Staat aus den Augen. Das MfS nahm also billigend in Kauf, die Seele von Menschen gezielt zu zerstören, um sie zu einer intensiven Beschäftigung mit sich selbst zu zwingen.
Haft war auch geeignet, Gruppen auseinander zu bringen. Besonders hintergründig war es, wenn die Staatssicherheit nur einige der Mitglieder verhaftete, da so die anderen in den Verdacht gebracht wurden, mit ihr zusammenzuarbeiten. Außerdem zerstörte das MfS zielgerichtet Ehen und familiäre Strukturen, indem es den Häftlingen Briefe vorenthielt oder sie zwang, selbst unwahre Brief zu schreiben – alles mit dem Ziel, die Menschen aus ihrer Lebenswelt, aus der heraus sie oppositionell tätig geworden waren, heraus zu brechen.

haftanstlaltenblasenviereck
So genügte meist schon die bloße Androhung von Haftstrafen, um vermeintliche und wahre Gegner zu erschrecken und ihnen den Mut zu nehmen, etwas gegen Partei oder Staat zu sagen oder gar zu unternehmen. Das konnte so weit gehen, dass Oppositionelle bereits abgeführt und dann wieder laufen gelassen wurden. Auch hier machte sich die Operative Psychologie Gedanken darüber, wie eine Verhaftung ideal ablaufen sollte, um die gewünschten Ängste schüren zu können. Es kam auch vor, dass Personen aus dem Lebensumfeld des Feindes verhaftet wurden, da vielen Menschen das Leben des Ehepartners z.B. mehr bedeutete als das eigene und sie ihn nicht ihretwegen in Gefahr bringen wollten.

Detailliertere Informationen:
Die Haftanstalten des MfS


zurück
Inhaltsverzeichnis
weiter