7.2 Die Feindbearbeitung. Zersetzungsmethoden des MfS

Das Wörterbuch des Ministeriums für Staatssicherheit beschreibt den Sprachgebrauch des MfS und gibt ihn auch vor. Daher kann man die folgende Definition von Zersetzung wohl als die allgemeingültigste ansehen:

Zersetzung, operative
Operative Methode des MfS zur wirksamen Bekämpfung subversiver Tätigkeit, insbesondere in der Vorgangsbearbeitung. Mit der Z.[ersetzung] wird durch verschiedene politisch-operative Aktivitäten Einfluß auf feindlich-negative Personen, insbesondere auf ihre feindlich-negativen Einstellungen und Überzeugungen in der Weise genommen, daß diese erschüttert und allmählich verändert werden bzw. Widersprüche und Differenzen zwischen feindlich-negativen Kräften hervorgerufen, ausgenutzt oder verstärkt werden.
Ziel der Z.[ersetzung] ist die Zersplitterung, Lähmung, Desorganisierung und Isolierung feindlich-negativer Kräfte, um dadurch feindlich-negative Handlungen einschließlich deren Auswirkungen vorbeugend zu verhindern, wesentlich einzuschränken oder gänzlich zu unterbinden bzw. eine differenzierte politisch-ideologische Rückgewinnung zu ermöglichen.
Z.[ersetzungen] sind unmittelbarer Bestandteil der Bearbeitung operativer Vorgänge als auch vorbeugender Aktivitäten außerhalb der Vorgangsbearbeitung zur Verhinderung feindlicher Zusammenschlüsse.
Hauptkräfte der Durchführung der Z.[ersetzung] sind die IM. Die Z.[ersetzung] setzt operativ bedeutsame Informationen und Beweise über geplante, vorbereitete und durchgeführte feindliche Aktivitäten sowie entsprechende Anknüpfungspunkte für die wirksame Einleitung von Z.[ersetzungs]-Maßnahmen voraus.
Die Z.[ersetzung] hat auf der Grundlage einer gründlichen Analyse des operativen Sachverhalts sowie der exakten Festlegung der konkreten Zielstellung zu erfolgen. Die Durchführung der Z.[ersetzung] ist einheitlich und straff zu leiten, ihre Ergebnisse sind zu dokumentieren.
Die politische Brisanz der Z.[ersetzung] stellt hohe Anforderungen hinsichtlich der Wahrung der Konspiration.“
1

Zur Bedeutung erfährt man:

„Das Kernstück der politisch-operativen Arbeit zur vorbeugenden Verhinderung, Aufdeckung und Bekämpfung politischer Untergrundtätigkeit ist die Verhinderung der Bildung, Zersetzung, Zerschlagung, Umprofilierung und Zurückgewinnung bestehender feindlich-negativer, oppositioneller Gruppierungen und Gruppen sowie die Enttarnung und Isolierung der Führungskräfte oder Exponenten politischer Untergrundtätigkeit und die Beseitigung ihres Einflusses auf andere feindlich-negative, oppositionelle oder unzufriedene Personen.“ 2

Eine der wohl bekanntesten Richtlinien Erich Mielkes war die „Richtlinie 1/76“, welche die Ausführungen noch um einige Vorschläge erweitert. So hatten sich ihm zufolge diese Formen der Zersetzung besonders bewährt:

- „systematische Diskreditierung des öffentlichen Rufes, des Ansehens und des Prestiges auf der Grundlage miteinander verbundener wahrer, überprüfbarer und diskreditierender sowie unwahrer, glaubhafter, nicht widerlegbarer und damit ebenfalls diskreditierender Angaben;
- Systematische Organisierung beruflicher und gesellschaftlicher Misserfolge zur Untergrabung des Selbstvertrauens einzelner Personen;
- Zielstrebige Untergrabung von Überzeugungen im Zusammenhang mit bestimmten Idealen, Vorbildern usw. und die Erzeugung von Zweifeln an der persönlichen Perspektive;
- Erzeugen von Misstrauen und gegenseitigen Verdächtigungen innerhalb von Gruppen, Gruppierungen und Organisationen;
- Erzeugen bzw. Ausnutzen und Verstärken von Rivalitäten innerhalb von Gruppen, Gruppierungen und Organisationen durch zielgerichtete Ausnutzung persönlicher Schwächen einzelner Mitglieder;
- Beschäftigung von Gruppen, Gruppierungen und Organisationen mit ihren internen Problemen mit dem Ziel der Einschränkung feindlich-negativer Handlungen;
- Örtliches und zeitliches Unterbinden bzw. Einschränken der gegenseitigen Beziehungen der Mitglieder einer Gruppe, Gruppierung oder Organisation auf der Grundlage geltender gesetzlicher Bestimmungen, z.B. durch Arbeitsplatzbindungen, Zuweisung örtlich entfernt liegender Arbeitsplätze usw.“
3

Außerdem, so fährt das Dokument fort, hätten sich in der Vergangenheit auch bestimmte Mittel zur Erreichung des übergeordneten Zersetzungszieles als geeignet erweisen:

- „das Heranführen bzw. der Einsatz von IM, legendiert als Kuriere der Zentrale, Vertrauenspersonen des Leiters der Gruppe, übergeordnete Personen, Beauftragte von zuständigen Stellen aus dem Operationsgebiet, andere Verbindungspersonen usw.;
- die Verwendung anonymer und pseudonymer Briefe, Telegramme und Telefonanrufe usw.; kompromittierender Fotos, z.B. von stattgefundenen oder vorgetäuschten Begegnungen;
- die gezielte Verbreitung von Gerüchten über bestimmte Personen einer Gruppe, Gruppierung oder Organisation;
- gezielte Indiskretionen bzw. das Vortäuschen einer Dekonspiration von Abwehrmaßnahmen des MfS;
- die Vorladung von Personen zu staatlichen Dienststellen oder gesellschaftlichen Organisationen mit glaubhafter oder unglaubhafter Begründung.“
4

Der Erfolg ließe sich, den Kriterien des MfS zufolge, auch relativ leicht feststellen. So manifestiere er sich, gemessen an den Zielen, „in Zweifeln an der Wirksamkeit und Zweckmäßigkeit der geplanten feindlich-negativen Handlungen, in unterschiedlichen Vorstellungen über das taktische Vorgehen bei der Durchführung subversiver Tätigkeit [und] in den sozialen Beziehungen innerhalb von Gruppen, die sich in Konkurrenzstreben, Intrigen, Missgunst u.ä. zeigen.“ 5

Diese insgesamt doch recht lange Auflistung von Gedanken, die sich das MfS bezüglich der Zersetzungsmaßnahmen machte, zeigt eines besonders deutlich: sie waren psychologischer Natur. Ihr Ziel war es nicht, dem Opfer irgendwie materiell zu schaden, sondern es sollte ganz gezielt, wie es auch formuliert wird, zerrüttet und in seiner seelischen Konsistenz angegriffen werden. Das lässt auch die Aufzählung verschiedener Maßnahmen ahnen, die hier dem Inhaltsverzeichnis des Buches „Zersetzen. Strategie einer Diktatur“ entnommen ist:

- „Inszenieren beruflicher Misserfolge
- Verbreiten von Gerüchten und Desinformationen
- Unterstellen einer Kooperation mit dem MfS
- Vortäuschen ‚unmoralischer’ Lebensweisen
- Zerstören von Liebesbeziehungen
- Entfremden der Kinder von den Eltern
- Einschränken der Bewegungsfreiheit
- Kriminalisieren wegen unpolitischer Delikte
- Vorladen zur Polizei
- Demonstratives Beobachten, Telefonterror und Annoncenkampagnen
- Beschädigen privaten Eigentums
- Falsche ärztliche Gutachten
- Die Kombination von Zersetzung und Haft“ 6

Bemerkenswert ist, dass dies eine Liste der wichtigsten Strategien ist, die mehrfach realisiert wurden – und dass sie beinahe vollständig übereinstimmt mit der Richtlinie des obersten Dienstherren des MfS. Diese wurde zur Grundlage auch der Ausbildung von hauptamtlichen Mitarbeitern des MfS und so Mielke zu demjenigen, der die psychische Folter, wie sie heute von Amnesty International in einigen MfS-Vorgehensweisen erkannt wird, umschrieben und befohlen hat.

„Aber es gibt eine Reihe anderer Zersetzungsvarianten, die nicht in dieser Vorschrift festgehalten waren. Sie gingen über das bereits in der ‚Richtlinie 1/76’ deutlich gewordene destruktive Ausmaß der Zersetzung noch hinaus. Im MfS wurde nicht umsonst von einer ‚Unbegrenztheit operativer Zersetzungsmethoden’ gesprochen.“ 7

Die Mitarbeiter führten also nicht nur Befehle aus, sondern beschäftigten sich explizit auch mit dem Erdenken neuer Methoden, mit denen man Menschen einschüchtern und verängstigen konnte. Dazu nutzen sie „eine besondere Art von Sozialpsychologie […], sie machten sich Erkenntnisse der Gruppenanalyse, der Beziehungen zwischen Menschen und der zwischenmenschlichen Phänomene wie Vertrauen, Bindung, Leitung etc. zunutze.“ 8

An einem Beispiel soll das nun deutlich werden. Zugrunde legen wir eine Definition des Begriffes Gruppe durch ein sozialpsychologisches Lehrbuch der DDR:

„Unter Gruppe verstehen wir eine Anzahl von Menschen, die innerhalb bestimmter räumlicher und zeitlicher Koordinaten miteinander kooperieren und deshalb unmittelbar oder mittelbar miteinander in aktiver Wechselbeziehung oder Kommunikation minimalen Ausmaßes an Intensität, Extensität und Intimität stehen, die aus eigenem eine Binnenordnung gestalten und funktionsteilig auf Wertverwirklichung orientiert sind.“ 9

Daraus ergeben sich verschiedene Punkte, an denen man die eigentlich neutral gehaltenen Formulierungen umdrehen und für den Einsatz gegen Menschen, für deren Zersetzung verwenden kann. Dies soll an den obigen Zitaten und Aussagen des MfS deutlich werden.

Zunächst einmal der räumliche und zeitliche Aspekt. „Örtliches und zeitliches Unterbinden bzw. Einschränken der gegenseitigen Beziehungen der Mitglieder einer Gruppe, Gruppierung oder Organisation auf der Grundlage geltender gesetzlicher Bestimmungen, z.B. durch Arbeitsplatzbindungen, Zuweisung örtlich entfernt liegender Arbeitsplätze usw.“ wurde vorgeschlagen, um diese beiden zu stören. Dann kommen Intensität und Extensität an die Reihe: „Erzeugen von Misstrauen und gegenseitigen Verdächtigungen innerhalb von Gruppen, Gruppierungen und Organisationen“ oder auch „Erzeugen bzw. Ausnutzen und Verstärken von Rivalitäten innerhalb von Gruppen, Gruppierungen und Organisationen durch zielgerichtete Ausnutzung persönlicher Schwächen einzelner Mitglieder“ wurden zur Verhinderung dieser Qualitäten als geeignet angesehen. Gegen Binnenordnungen konnte man auch etwas tun, z.B. durch die „Verwendung anonymer und pseudonymer Briefe, Telegramme und Telefonanrufe usw.; kompromittierender Fotos, z.B. von stattgefundenen oder vorgetäuschten Begegnungen“ oder „die gezielte Verbreitung von Gerüchten über bestimmte Personen einer Gruppe, Gruppierung oder Organisation“ konnte man den führenden Kopf eine Gruppe diskreditieren.

Natürlich ließe sich diese Aufzählung beinahe beliebig fortsetzen; was sie aber zeigen soll, ist das gezielte und verwissenschaftlichte Umdrehen insbesondere von sozialpsychologischen Erkenntnissen mit dem Ziel, wie in diesem Fall die Bildung oder den Zusammenhalt einer Gruppe zu stören. Das geht, wenn man weiß, wie eine Gruppe funktioniert, denn dann kann man diese Funktionsabläufe gezielt stören.

Dafür steht auch das vom Ministerium für Staatssicherheit geschaffene Kunstwort „Kompromat“, das eine Abkürzung für „Kompromittierendes Material“ war. Es folgte der sowjetischen Angewohnheit, die ersten Silben von Wörtern zu einem neuen Wort zusammenzuziehen. Insgesamt stellte es einen der Grundpfeiler der Operativen Psychologie dar, was aus der im Folgenden länger zitierten Definition des Wörterbuchs für Staatssicherheit hervorgeht:

„Kompromat
Sachverhalt aus dem Leben einer Person, der im Widerspruch zu gesellschaftlichen (juristischen, moralischen) Normen und Anschauungen steht, bei seinem Bekanntwerden zu rechtlichen oder disziplinarischen Sanktionen, zu Prestigeverlusten, zur öffentlichen Bloßstellung, zur Gefährdung des Rufes im Bekannten- und Umgangskreis führen würde und auf Grund dessen bei der betreffenden Person das innere Bedürfnis entsteht bzw. geweckt werden kann, die daraus resultierenden negativen Folgen von sich abzuwenden bzw. eingetretenen Schaden wiedergutzumachen.
Bei der Gewinnung neuer IM, beim Herausbrechen von Personen aus feindlichen Gruppen, bei der Durchführung von Zersetzungsmaßnahmen mit Hilfe von K.[ompromaten] werden diese bestehenden oder hervorgerufenen Rückversicherung- und Wiedergutmachungsbestrebungen genutzt. Die Lösung dieser Aufgaben, vor allem bei Personen mit verfestigter antisozialistischer Einstellung, kann auch die Schaffung von wirksamen K.[ompromaten] erforderlich machen.
Kompromittierende Sachverhalte können sein:

- nicht geahndete Gesetzesverletzungen,
- Verletzungen von Pflichten, Begünstigung von Fehlverhalten und Schädigung,
Übertretung moralischer und politisch-ideologischer Normen,
- Verheimlichung belastender persönlicher Verbindungen, Fälschungen.
Die motivierende Wirkung eines K.[ompromats] ist immer gebunden an die jeweilige Person. Diese Wirkung ist vor allem abhängig von
- den ideologisch-moralischen Einstellungen, dem Rechtsbewußtsein, der Ansprechbarkeit und der charakterlichen Feinfühligkeit,
- der gesellschaftlichen Stellung der Person und dem damit verbunden öffentlichen Ruf,
- der beruflichen Position und den Verhaltensnormen, die für die jeweilige Berufsgruppe, der die Person angehört, gelten,
- den Normen der Gruppe oder des Personenkreises, zu denen sich die Person gehörig fühlt,
- der Rolle der Familienbeziehungen und der Stellung der Person zu seinen Angehörigen.
Der Einsatz des K.[ompromats] hat in Abhängigkeit der Person und seiner Beschaffenheit differenziert zu erfolgen durch
- die kompakte Anwendung, um z.B. in ihrer feindlichen Einstellung verhärteten Personen den Ernst der Lage bewußt zu machen,
- die ausgewählte, teilweise Anwendung, um z.B. damit Impulse der Person zur selbständigen Stellungnahme zu geben,
- den Verzicht auf den direkten Einsatz, um z.B. damit positive Haltungen der Person zum MfS zu entwickeln. Die Wirkung des K.[ompromats] für die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem MfS ist in der Regel zeitlich begrenzt. Deshalb muß in der Zusammenarbeit mit IM, die auf der Grundlage von Rückversicherungs- und Wiedergutmachungsbestrebungen gewonnen wurden, allmählich an dessen Stelle das wachsende Vertrauen in das MfS, das Erkennen der Notwendigkeit der inoffiziellen Arbeit treten.“
10


Die Aufzählung verdeutlicht, dass diese Form der Erpressung für nahezu alle möglichen Zersetzungsmaßnahmen genutzt orden ist. Sie eignete sich im Prinzip immer, das einzige Problem, das aber auch angesprochen wird, war die Kurzlebigkeit. Das konnte aber nicht den ungemeinen Vorteil der Vielseitigkeit in den Schatten stellen, denn es ließ sich zu beinahe jedem Menschen ein passendes Kompromat finden, wenn man ihn nur lange genug beschattete. In Fällen allerdings, in denen selbst das MfS über die IM nichts herausfinden konnte, was sich irgendwie zu einer Belastung einsetzen lassen konnte oder wo einfach nicht genügend schwere Kompromate vorhanden waren, da schreckte es nicht vor der Schaffung neuer zurück. Die Aufforderung, dies zu tun, war deutlich gegeben: das „Verleiten des Kandidaten durch IM zu Verbrechen und Vergehen […] ist zu nutzen.“ 11 Als Beispiel für das Kompromittieren im Allgemeinen sei die Gefahr genannt, an seinem Geburtstag von einem Mitarbeiter des MfS besucht zu werden und von ihm deutliche und wortreiche Gratulationen zu erhalten. Die Familie und Freunde bekamen das mit und zur Sicherheit machte die Staatssicherheit meist noch einige Fotos.

Das galt freilich nicht ausschließlich für Bürger der DDR, auch für die Bundesrepublik gab es entsprechende Maßnahmen, die unter der besonderen Beachtung des westdeutschen Strafgesetzbuches beschrieben worden sind.

Es gab aber ebenso spezielle Untersuchungen, welche die unterschiedlichen Strukturen von Gruppen analysierten und somit die operative Arbeit des MfS fundamentieren sollten, sich aber nicht auf Einzelpersonen beschränkten, sondern explizit Gruppenstrukturen beschrieben und auswerteten. Eine dieser Untersuchungen führte zu den folgenden Ergebnissen:

- „Personale oder positionale Struktur“:
Sie zu analysieren sei unerlässlich, um den passenden IM für die Gruppe zu finden. Dieser kann eine bestimmte Position aufgrund seines Geschlechts, Berufs, Alters oder auch wegen familiärer oder ideologischer Aspekte einnehmen.

- „Kommunikationsstruktur“:
Hier ging es darum, IMs mit kommunikativen Verbindungen zu Gruppenmitgliedern in Schlüsselpositionen zu finden. Man könnte auch von Kontakten sprechen.

- „Sozialpsychische Beziehungsstruktur nach Antipathie und Sympathie“:
Es sei wichtig, die Sozialstrukturen zu kennen, um einzelne Gruppenmitglieder zu werben. Wenn diese z.B. eine Antipathie der Gruppenführung gegenüber aufwiesen, wären sie eher zur Zusammenarbeit mit dem MfS bereit gewesen.

- „Rollenstruktur“:
Je nachdem, ob ein Gruppenmitglied eine führende oder eine Mitläuferrolle einnahm, eignete er sich mehr oder weniger zur Zusammenarbeit und Bearbeitung. So sollten Führungspersonen in den meisten Fällen isoliert, Mitläufer aber geworben werden.

- „Rangstruktur“:
Jedes Gruppenmitglied hatte einen Rang, entweder einen zuvorderst oder ganz hinten. Seine Bedeutung nahm je nachdem zu oder ab.12


Anhand solcher Überlegungen suchte das MfS stets nach neuen IM, die entweder gut auf eine Stelle passten oder über die Fähigkeit verfügten, sich rasch und gründlich passend zu machen. Natürlich waren letztere in der Regel die beliebteren, da sie recht flexibel in mehreren Gruppen ‚arbeiten’ konnten.

Bis 1989 gab es für diese Bearbeitung drei Möglichkeiten, die genannt werden:

- Umformung einer feindlich-negativen Gruppe in eine mit positiven Zielen
- Auflösen der Gruppe
- Anwendung strafrechtlicher Mittel zur Zerschlagung 13

Seit Anfang 1989, als die oppositionellen Gruppen unübersehbar wurden und die Bedrängungen des SED-Regimes immer stärker, verließ das MfS diese Position des Kräftemessens und versuchte wenigstens ansatzweise den Dialog. Entsprechend geschulte Kader sollten argumentieren und eben nicht das klassische Klischee vom Stasi-Mann erfüllen. Das MfS bemühte sich um weichere Methoden. Das zeigt sich unter anderem darin, dass in ihrer Position nicht etablierte, sondern undifferenzierte Personen aus feindlich-negativen Verbänden über ‚Belohnungen’ auf die Seite der Staatssicherheit gezogen werden sollten.

Aber es gab auch unzählige Maßnahmen gegen einzelne Oppositionelle. Sie sollten in erster Linie verunsichert und ihr Selbstbild beschädigt werden, mit dem Ziel, dass sie das Vertrauen in sich und ihre eigenen Überzeugungen verloren und so aufhörten, etwas gegen den Staat zu unternehmen. Die moderne Psychologie geht davon aus, dass der Mensch sowohl eine öffentliche als auch eine private Identität besitzt, die aus Selbstwahrnehmungen, Erfahrungen und sozialen Vergleichen zusammengesetzt sind.

Schaffte man es nun, einem Menschen permanentes Versagen vorzuspiegeln, so musste er irgendwann unsicher werden. Man spricht heute von der sich selbst erfüllenden Prophezeiung; das bedeutet, dass ein bestimmtes Resultat, das jemand im Vorhinein zu kennen glaubt, mit erhöhter Wahrscheinlichkeit auch wirklich eintritt, da diese Person unbewusst alles für das vorausgesagte Erfüllen macht. Das wusste und nutzte die Operative Psychologie. Holger Richter zitiert in seinem Buch dazu noch zwei interessante Quellen, die hier wiedergegeben werden sollen. Ziele der Zersetzungsarbeit bei Einzelnen könnten demnach lauten:

„Einsichten bei Personen zu wecken, daß mit ihrem Hinwenden zu feindlich-negativen Kräften und deren Zusammenschlüssen ein Weg eingeschlagen wird, der nicht geeignet ist, bestehende Konfliktsituationen oder politisch-ideologische Probleme in einer gesellschaftsgemäßen Art und Weise zu lösen;
Interessenlosigkeit an Zusammenkünften feindlich-negativer Gruppen bei Personen hervorrufen, die auf Grund ihrer politisch-ideologisch schwankenden und labilen Position gefährdet sind, in die feindlich-negative Gruppe einbezogen zu werden;
Erkenntnisse bei Personen zu wecken, die bereits in die feindlich-negative Gruppe einbezogen wurden, daß andere feindlich-negative Kräfte offen feindliche Positionen vertreten und sich mit Plattformen zur Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse im Sozialismus befassen, wozu diese feindlich-negativen Kräfte die Gefühle der Ehrlichkeit, der Gutgläubigkeit, des Gerechtigkeitsfetischismus der hinzugezogenen Personen für die feindlichen Ziele zu mißbrauchen beabsichtigen;
Zweifel bei Personen zu schüren und hervorzurufen, ob ihre Mitwirkung und Beteiligung an den Plänen, Absichten und Aktivitäten der feindlich-negativen Kräfte, die möglichen persönlichen Nachteile im Hinblick auf ihre berufliche, wissenschaftliche, familiäre Entwicklung aufwiegen;
Angst bei Personen auszulösen vor ihrer weiteren Beteiligung an der Realisierung der Ziele der sich entwickelnden feindlich-negativen Gruppe, da eine weitere Mitwirkung mit ernsthaften, insbesondere strafrechtlichen Konsequenzen verbunden ist. Umgekehrt muß ihm bewußt gemacht werden, daß ein Abstandnehmen von der weiteren Mitwirkung sich auch positiv auf ihre Entwicklung auswirken kann;
Panik und Bestürzung bei Personen verursachen durch das plötzliche Wirksamwerden der Schutz- und Sicherheitsorgane gegen einzelne Mitglieder der feindlich-negativen Gruppe in Form von demonstrativen Beobachtungen, Vorladungen, Kontaktaufnahmen, Reisesperren, Aufenthaltsbeschränkungen, um die feindlich negativen Kräfte wissen zu lassen, daß ihr weiteres Zusammenkommen zur Begehung politischer Untergrundtätigkeit risikovoll ist und sie deshalb ihre Aktivitäten aufgeben;
Enttäuschungen bei Personen zu schüren über die Uneinigkeit, Inkonsequenz, Geltungsdrang einzelner Mitglieder der Gruppe, aber auch über die unterschiedlichen Interessenlagen bis zur Unsachlichkeit geführten Dispute, um zu erreichen, daß sie sich selbstständig aus der Gruppe lösen und den Anschluss ei positiven oder loyalen Personen suchen.“
14

Um sich aber in dieser Art und Weise der Zersetzung von Menschen widmen zu können, brauchte man gewisse Ansatzpunkte, also Schwachstellen, über die man an sie herankommen konnte. Solche Punkte waren:

- „‚charakterliche und moralische Schwächen wie Neid, Mißgunst, außereheliche Beziehungen, Alkoholmissbrauch usw.’
- finanzielle und materielle Abhängigkeiten und Schwächen,
- bedeutsame innere Bedingungen wie Angst oder ähnliches zu subversiven Tätigkeiten,
- deutliche Differenzen und Widersprüche zum taktischen Vorgehen bei der Realisierung der feindlich-negativen Tätigkeit,
- Erscheinungen, die ‚oppositionelle Haltungen und Bestrebungen zwischen dem oder den Anführern und den anderen Gruppenmitgliedern schließen lassen’, oder
- ‚Hinweise auf Dekonspiration oder Schwatzhaftigkeit, Prahlsucht oder Rennomiergehabe’ gegenüber Außenstehenden.“
15
       

Von dort ausgehend konnte dann gezielt gegen die Menschen vorgegangen werden. So heißt es weiter, man könne Zersetzung außerdem betreiben durch:

- „die berufliche Abqualifizierung, zum Beispiel durch den Nachweis von Dilettantismus (möglich durch öffentliche und persönliche Stellungnahmen, Äußerungen, Proteste und Gutachten von fachlichen Autoritäten des In- und Auslandes);
- das Stören des Zusammenhalts von Gruppen und Gruppierungen (u.a. möglich durch das Erzeugen von Misstrauen, Unruhe und Unsicherheit, durch einseitige – für andere unverständliche – Bevorzugung und Vergünstigung, durch das Auslösen von Streitigkeiten in persönlichen Fragen und zum feindlichen Vorgehen);
- die Einleitung schockierender Maßnahmen für einzelne Verdächtige (u.a. möglich durch ein oppositionelles Auftreten der engsten Freunde, das Verbreiten von ‚Rückzugsabsichten’, die Unterstellung karrieristischer Motive, das Organisieren einer Distanzierung durch bestimmte die Verbreitung interner Fakten, eine Einschränkung des Wirkungskreises, die Isolierung von Verbindungspersonen, die Verstärkung materieller, familiärer oder beruflicher Schwierigkeiten usw.);
- das systematische Verbreiten von Halbwahrheiten und Gerüchten (u.a. möglich durch das Organisieren einer sog. Flüsterpropaganda, anonyme Briefe und Telefonanrufe usw.);
- das Schaffen diskriminierender Umstände und Bedingungen (so zum Beispiel durch das Heranführen asozialer Kräfte, das Organisieren unerwünschter Sympathiekundgebungen durch diskreditierende oder diskreditierte Kräfte und deren Nutzung für die Entwicklung von Zweifeln und Gegenstimmen);
- die Durchführung gezielter Differenzierungsmaßnahmen (das ist u.a. möglich durch die Beeinflussung im loyalisierenden Sinne, so zum Beispiel zur Verteilung provokatorisch-demonstrativer Aktionen und Handlungen, die Schaffung von Bedingungen zur materiellen, moralischen und ideologischen Bindung einzelner Personen an die sozialistische Gesellschaft, die Werbung oder Scheinwerbung von Personen oder das Verdächtigen einer Zusammenarbeit mit dem MfS usw.);
- die Anwendung strafrechtlicher und disziplinarischer Maßnahmen (so zum Beispiel die Einleitung von Ermittlungs- und Disziplinarverfahren wegen krimineller Handlungen bzw. Disziplinarverstößen);
- die Einleitung politisch-operativer Zersetungsmaßnahmen in Richtung Operationsgebiet, so u.a. zur Organisierung von Zweifeln und Widersprüchen hinsichtlich der Bedeutung und Glaubwürdigkeit der feindlichen Organisationen, Einrichtungen, Gruppen und Personen (das ist u.a. durch das Unterbrechen des Verbindungssystems, gezielter Verdächtigungen hinsichtlich des Einflusses progressiver Kräfte oder Indiskretionen möglich).“
16

Das alles lässt sich an dem wohl bekanntesten Beispiel überhaupt exemplarisch belegen: Wolf Biermann.

„Zerstörung seines Persönlichkeitsbildes durch negative Beeinflussung seiner Lebensgewohnheiten z.B.: zum Alkoholmißbrauch veranlassen, zu sexuellen Ausschweifungen (Minderjährigen) veranlassen (Möglichkeiten für EV [Ermittlungsverfahren, Anm. d. Verf.] durch K[riminalpolitzei] prüfen und veranlassen) – Liebesverhältnisse, die bestehen, zerstören, falsche ärztliche Behandlung – persönliches Eigentum beschädigen: PKW, Wochenendgrundstück, Boot usw.“ 17

Hier wird einmal die reale Seite der vielen theoretischen Überlegungen deutlich. Es zeigt sich aber auch, wie Holger Richter betont, dass die Staatssicherheit nicht in jedem Fall dezidierte Erkenntnisse und Überlegungen angewandt hat, sondern oftmals auch sehr alltagspsychologisch an eine Bearbeitung heranging. Zwar waren die Mitarbeiter geschult worden und wussten um die einzelnen Herangehensweisen und Methoden, aber es lässt sich keine alles durchdringende, immer sich wiederholende Vorgehensweise erkennen, was darauf schließen lässt, dass jeder MfS-Mitarbeiter seine eigene Methodik hatte und weitgehend unabhängig entschied, was nun genau zur Anwendung kommen sollte.

Doch wieder einmal bietet das Wörterbuch des MfS den begrifflichen Überbau, denn in ihm werden Maßnahmen geklärt, die jeder Mitarbeiter in irgendeiner Form verwendet hat. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang beispielhaft auf die folgenden Begriffe, die hier nicht einzeln dargelegt werden sollen. Bei Bedarf sind sie einfach nachzuschlagen. Es handelt sich insbesondere um Desinformation, Rückgewinnung, Herausbrechen von Personen aus feindlichen Gruppen, operative Kombinationen, operatives Spiel, Abschöpfung und noch andere mehr.

Wie in diesem Nachschlagewerk fehlen aber auch in fast allen MfS- oder JHS-Literaturen konkrete Anweisungen an die hauptamtlichen Mitarbeiter. In anderen Fällen existieren sie, werden aber unzureichend oder überhaupt nicht theoretisch fundamentiert. Daraus ergibt sich für die praktische Tätigkeit das oben genannte Spektrum an Möglichkeiten zur Erfüllung der entsprechenden Aufgaben. So sind Aufzählungen der methodischen Möglichkeiten wie die nachfolgend wiedergegebene recht selten:

- „Auch unter Berücksichtigung einer möglichen Dekonspiration sind Kontakte mit rechtswidrigen Antragsstellern anzuknüpfen mit der Zielstellung, Falschinformationen in diese Personenkategorie einfließen zu lassen.
- Bereits bestehende Kontakte sind unter Anwendung operativer Kombinationen weiter auszubauen mit der Zielstellung der Scheinwerbung dieser Personen.
- Anwendung des Personalausweis-Entzuges …, wobei in den Gesprächen als angebliche Informationsquellen des Sicherheitsorgans zum Straftatbestand § 213 StGB, Personen aus dem Kreis bereites übergesiedelter oder noch in der DDR weilender rechtswidriger Antragsteller ins Spiel zu bringen sind.
- Entsprechend der operativen Situation ist eine differenzierte Anwendung von Ordnungsstrafverfahren durch die DVP zu realisieren, zum Beispiel Entzug der Fahrerlaubnis, Arbeitsrechtsmaßnahmen usw.
- Bei Bekanntwerden des geplanten Aufsuchens der BRD-Vertretung und organisierten Zusammenkünften in der Hauptstadt Berlin ist differenziert die Verhinderung dieser Fahrten durch geeignete Maßnahmen, wie Arbeitsplatzbindung, Vorladung zu Aussprachen und konspirative Zuführung zur Klärung von Sachverhalten zu realisieren.
- Durchführung von intervallmäßigen Beobachtungen rechtswidriger Antragsteller mit konspirativem und offensivem Charakter.
- Verwendung anonymer Briefe, deren inhaltliche Gestaltung ein Mißtrauensverhältnis zur Folge hat. Dabei sind besonders solche Probleme, wie Zerwürfnisse in de Ehe, bekanntgewordene Vorstrafen und Belastung bestimmter Personen aus dem Kreis der rechtswidrigen Antragsteller hinsichtlich ihrer Informationstätigkeit gegenüber dem MfS, anzusprechen.
- Genehmigung von rechtswidrigen Anträgen mit der Zielstellung, aus den bestehenden Gruppen und Konzentrationen Personen herauszubrechen und den Anschein zu erwecken, daß diese Informationsquellen des Sicherheitsorgans sind.“
18

Beinahe am Ende dieses Kapitels angelangt, ist an dieser Stelle eigentlich die praktische Umsetzung der Theorie zu erwarten. Doch da es eine unüberschaubare Fülle an unterschiedlichen Fällen gibt und in beinahe jedem einzelnen differente Methoden und Zielstellungen des MfS deutlich werden, würde der Rahmen dieser Ausarbeitung durch eine genaue Auswertung solcher Einzelfälle gesprengt werden. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang insbesondere auf Sandra Pingel-Schliemanns Buch „Zersetzen. Strategie einer Diktatur“, S. 214ff. Dort werden Beispiele beschrieben und auch durchleuchtet, wenn auch nicht stets vom psychologischen Standpunkt her, da dies nicht die Zielstellung des Buches ist. Anhand der obigen Ausführungen aber wird der geneigte Leser durchaus in der Lage sein, die entsprechenden Denkmuster und Strukturen in den MfS-Methoden zu erkennen und auch die wesentlichen Schlüsse über die Operative Psychologie zu ziehen. Denn letzten Endes durchdringen die theoretischen Überlegungen, wenn auch ohne erkennbare Systematik, alle Tätigkeiten der hauptamtlichen Mitarbeiter.


zurück
Inhaltsverzeichnis
weiter