7.1 Wie wird man zum Feind?

Das MfS hatte eine klare Vorstellung davon, was ein Feind ist:

„Personen, die in Gruppen oder individuell dem Sozialismus wesensfremde politisch-ideologische Haltungen und Anschauungen absichtsvoll entwickeln und in ihrem praktischen Verhalten durch gezieltes Hervorrufen von Ereignissen oder Bedingungen, die die sozialistische Gesellschaftsordnung generell oder in einzelnen Seiten gefährden oder schädigen, eine Verwirklichung dieser Haltungen und Anschauungen anstreben.“ 1

Die so genannte Feindbearbeitung war die wichtigste Aufgabe im Selbstverständnis der Staatssicherheit. Kein Wunder also, dass der überwiegende Teil aller Dissertationen und Lehrhefte der JHS sich explizit mit diesem Thema beschäftigt. Es ist also das am besten aufgearbeitete Themengebiet auch innerhalb der Operativen Psychologie.

Holger Richter gliedert die entsprechenden Publikationen in theoretische, die sich mit der Psyche und dem Wesen des Feindes an sich beschäftigen und praktische, die genaue Handlungsmöglichkeiten zur Bekämpfung und Zersetzung angeben. Er zählt sie auf: 2

Thema Anzahl Anteil %
Zersetzung 25 26,0
Persönlichkeitseinschätzung 17 17,7
Vertrauen und Beziehung 10 10,4
Gesprächsführung 9 9,4
Haft 7 7,3
Einstellungen, Motive Je 6 Je 6,2
Jugend 4 4,2
Graphologie, Legende Je 3 Je 3,1
Beziehung, Operative Kombination Je 2 Je 2,1
Operationsgebiet, Operatives Spiel,
Stimmanalyse, Terror
Je 1 Je 1,0

Einer der wichtigen theoretischen Punkte ist die Persönlichkeitseinschätzung. Ihr zufolge ist es die Aufgabe der Mitarbeiter, ein entsprechendes Profil zu erstellen. Das konnte unter anderem durch Hausdurchsuchungen realisiert werden, bei denen Bücher Auskunft über das Bildungsniveau und Interessen gaben oder Möbel sowie Kleidungsstücke etwas zu Geschmack und Stil vermitteln konnten. Unterhaltungen sollten Charaktereigenschaften wie das Temperament erschließen, eine Beobachtung von Mimik und Gestik während des Gesprächs Aussagen über Stimmungen und Gefühle ermöglichen. Dazu sollte der Verhandlungsführer sich sprachlich und dem Wissensstand nach auf das Niveau des Beschuldigten begeben (interessant ist die Voraussetzung, dass dies dem Mitarbeiter in jedem Fall gelingt, Gegenteiliges wird jedenfalls gar nicht in Erwägung gezogen) und wieder einmal erzieherisch auf ihn wirken.

Auch hier durchdringen die psychologischen Grundlagen die gesamte Persönlichkeitsauffassung:

„Umstände der Erziehung im Elternhaus, Verlauf der Schul- und Berufsausbildung, Verlauf der beruflichen Entwicklung, familiäre Verhältnisse, soziale Beziehungen im Freizeitbereich, Verlauf der politischen Entwicklung, Feststellung der politischen Grundeinstellung zum Zeitpunkt der Tat“ 3

seien prägend für die Persönlichkeit. Das behavioristische Bild des außengesteuerten Menschen wird hier erneut entworfen und bekräftigt. Das erklärt auch die massiven Eingriffe in die oben genannten Bereiche durch das MfS, wie sie später noch aufgeführt werden. Man glaubte hier gezielt einsetzen und Persönlichkeitsstrukturen manipulieren zu können.

Zu der Frage nach der Persönlichkeit gehörte auch die, ab wann man bei jemandem eine feindlich-negative Einstellung feststellen muss und wie diese entstehen konnte. Dieser Widerspruch ist weiter oben bereits angesprochen worden. Ein außengesteuerter Mensch müsste, in einer sozialistischen Umgebung aufgewachsen, eigentlich keine feindliche Einstellung erwerben können. Man hat also in einer umfangreichen Erhebung „257 Merkmalsgruppen, die bis zu 10 Einzelmerkmale zu feindlich-negativen Einstellungen und Handlungen erfassen, beschrieben. Mit diesem Erfassungsbogen seien 80 Ermittlungsverfahren zu ‚Staatsverbrechen’ analysiert und ergänzende Befragungen der Untersuchungsführer und Untersuchungshäftlinge durchgeführt worden.“ 4

Wirkliche Daten aus diesen Erhebungen sind leider nicht greifbar, lediglich die Schlussfolgerungen. So erhielt man folgende Definitionen

„Eine negative Einstellung sei
‚… eine relative verfestigte ablehnende, destruktive, pessimistische, auch reaktionäre persönliche Beziehung zum gesellschaftlichen Fortschritt im Allgemeinen bzw. zu Erscheinungen, Entwicklungstendenzen und Gesetzmäßigkeiten der entwickelten sozialistischen Gesellschaft im besonderen.’
Eine feindliche Einstellung sei eine
‚…besonders stark ausgeprägte und verfestigte Form der negativen Einstellung zur sozialistischen Staats- und Gesellschaftsordnung und ihrer weltanschaulichen Grundlage, dem Marxismus-Leninismus.’“
5

Das MfS unterscheidet z.B. folgende feindlich-negative Einstellungen:

- eine individualistische und egoistische Haltung, die zur
- ablehnenden Haltung dem Sozialismus gegenüber führt,
- eine asoziale oder kriminelle Lebensführung und
- Anarchismus 6

Da man davon ausging, eine solche Gesinnung könne innerhalb einer sozialistischen Gesellschaft wie in der DDR nicht entstehen, erklärte man ihr Auftreten durch den schädigenden Einfluss des westlichen kapitalistischen Imperialismus.
Dieser würde durch
- „die ‚spontan anarchistischen Wirkungen’ der kapitalistischen Produktion,
- ein hohes technisch-wissenschaftliches und hohes materielles Lebensniveau der BRD-Bevölkerung“, 7
- Nachahmungsversuche und Kontaktaufnahmen seitens der DDR-Bürger
- Konsumterror und Einwirkung von Massenmedien
- innere Feinde als kapitalistische Stützpunkte
- die Reste einer von gegenseitiger Ausbeutung und Privatproduktion geprägten Gesellschaft
- Eigennutz, Religion und Rücksichtslosigkeit anderen gegenüber
genährt und immer wieder neu belebt.


So ging das MfS davon aus, dass den eigenen Bürgern nur durch Vergleiche mit der Bundesrepublik Deutschland die eigene schlechte Versorgungslage bewusst würde. Sie wären, so die Theorie, zufriedener, wenn sie die Möglichkeit dazu nicht hätten. Schwierigkeiten in den Anfangsphasen des Aufbaus des Sozialismus würden so bewusst vom Westen verschärft und übertrieben dargestellt. Theoretisch entspricht dies durchaus heutigen psychologischen Auffassungen davon, dass Menschen ihren eigenen Status gern über soziale Vergleiche ermitteln und so natürlich auch die Qualität ihres Lebens daran messen. Nichtsdestotrotz änderte das die grundlegenden Probleme in der DDR keinesfalls – und in diesen Vergleichen die Ursache für die schlechte Versorgungslage zu sehen, war keine Psychologie sondern ging an der Realität vorbei.

Folgende potenziellen Quellen für Unzulänglichkeiten einzelner Menschen führten nach Meinung des MfS zu negativen Einstellungen:
 
- „Egoismus
- Gleichgültigkeit
- Rücksichtslosigkeit
- Disziplinlosigkeit, Leistungszurückhaltung
- Verletzung sozialistischer Rechtsprinzipien
- Mängel im Mikromilieu von Bürgern der DDR:
- Nicht intaktes Elternhaus
- Schule
- Beruf (z.B. Umsetzung wegen Rationalisierungsmaßnahmen)
- Wehrdienst (gestörte Kommunikation mit Vorgesetzten, Einschränkungen und Belastungen)
- und in der Freizeit (mangelnde Versorgung mit Konsumgütern, schlechter Wohnraum)“

Des Weiteren gab es Persönlichkeitszüge mit derselben Eigenschaft:

- „schwankende, indifferente Einstellung zum Sozialismus,
- negativ ausgeprägte Einstellung zur Arbeit,
- zur Familie (‚Abkapselung’),
- Freizeit (‚Primitivität, Herumtreiberei und Alkoholmissbrauch’)
- und sich selbst (‚Unzufriedenheit mit dem erreichten Sozialstatus’, ‚überhöhtes Geltungsbedürfnis, übersteigerter Ehrgeiz, Karrierismus, Besserwisserei, Prestigedenken und Standesdünkel’)[…]
- Willensschwäche und Verführbarkeit (Suggestibilität)’, […] wenn sich ‚ein hohes Bildungs- und Kulturniveau mit bestimmten psychischen Auffälligkeiten, wie Sendungsbewußtsein, Fanatismus, Weltverbesserertum und der Selbsteinschätzung als verkanntes Genie verbindet’, […]
- Überempfindlichkeit,
- Ein- und Unterodnungsschwierigkeiten
- starke Nervosität
- nervlich bedingte Fehlverarbeitung persönlicher Erlebnisse, geringe psychische Belastbarkeit’“
8


Selbstverständlich könne dem nur beigekommen werden, indem sich überall die Ideale eines sozialistischen Staates durchsetzen. Dafür sei es notwendig, „… eine Atmosphäre der Unduldsamkeit gegen jegliche Form von Rechtsverletzungen und Fehlverhaltensweisen, gegen Fahrlässigkeit und pflichtwidriges Verhalten zu schaffen, die eine Massenbewegung für vorbildliche Ordnung, Disziplin und Sicherheit auslöst“. Auch könne man der Ausbildung feindlich-negativer Einstellungen in jedem Falle (das wird ausdrücklich betont) vorbeugen. Meist entstünden sie

„bereits im Elternhaus durch nicht intakte familiäre Verhältnisse, Auffälligkeiten der Eltern hinsichtlich ihrer charakterlichen Disposition (‚mangelnde Differenzierung des Gefühlslebens, überzogenes Mißtrauen, Gleichgültigkeit gegen soziale Anforderungen, aggressive Reaktionsweisen sowie überdurchschnittliche Ausprägung einzelner Persönlichkeitszüge hysterischer, fanatischer und querulatorischer Art’), ihres Kommunikationsverhaltens und der materiellen Existenzbedingungen und später durch noch ungenügend entwickeltes Niveau der Erziehungsarbeit in der Schule, im Beruf und in der Armee vor allem durch Widerspruchsempfinden zwischen vermittelter Theorie und erlebter Realität gebildet.“ 9

Scheinbar offen ging das MfS mit den Mängeln im eigenen Lande um. Es sei ein sehr guter Angriffspunkt für den Imperialismus, dass es in der DDR qualitativ minderwertigeren Wohnraum, ein weniger anspruchsvolles Fernsehprogramm oder auch unzureichendere Möglichkeiten für die Ausgestaltung von Hobbys gebe. Außerdem sei bis jetzt die Einbeziehung des Einzelnen ins Arbeitskollektiv unzureichend. Wäre diese in stärkerem Maße vorhanden, so sei dies förderlich als Prävention vor „Isolierung und Ersatzbefriedigungen wie Orientierung auf Geld, Besitz, Essen, Trinken, Sexualität und Macht.“ 10

Besonders Jugendliche waren nach Meinung der Staatssicherheit gefährdet, da bei ihnen eigener Wille und Halt noch nicht ausgeprägt genug seien. Das Bedürfnis nach Gruppenzugehörigkeit und die Empfänglichkeit für Symbole und Geltung würden sie besonders leicht beeinflussbar machen. Eine andere Gruppe mit überdurchschnittlicher Suggestibilität seien Menschen mit neurotischen Störungen. Dabei muss man aber bedenken, dass für die Staatssicherheit alle Menschen, die von den gesellschaftlichen Vorstellungen in irgendeiner Form abwichen, neurotisch waren. Zeichen einer solch einfachen Prägung durch schädliche Einflüsse sind nach MfS-Darstellung:

- „auffällige Diskrepanz zwischen verbal vorgetragener progressiver Einstellung und völliger gesellschaftlicher Inaktivität;
- Verhaltensweisen, die in krassem Gegensatz zum bisherigen Auftreten stehen;
- Ignorierung gesellschaftlich geforderter Verhaltensnormen und Versuche, sich der gesellschaftlichen Einflußnahme und Erziehung zu entziehen,
- extrem egoistischer Drang zur materiellen Bedürfnisbefriedigung;
- Ablehnen von oder Entziehen aus gesellschaftlich aktiver Tätigkeit;
- Nichtanerkennen oder Protesthaltung gegenüber gesetzlich begründeter bzw. gesellschaftlich gerechtfertigten Entscheidungen staats- und wirtschaftsleitender Organe, die den persönlichen Wunschvorstellungen nicht entsprechen;
- andere Äußerungen und Verhaltensweisen, die begründet auf ein gestörtes Verhältnis zur sozialistischen Gesellschaft und Staatsmacht schließen lassen;
- sozial und psychisch auffälliges Verhalten“(S. 407)
11

Diese Übersicht hatte in der Realität einen geringen Aussagewert, da prinzipiell jedes Verhalten, das nicht ganz exakt den MfS-Vorstellungen entsprach, demzufolge zu feindlich-negativen Einstellungen hätte führen können.

Dennoch kann man ersehen, mit welch ungeheurem Aufwand das Ministerium für Staatssicherheit genau abgrenzen wollte, woran man einen Feind möglichst frühzeitig erkennt und, noch besser, rechtzeitig genug bearbeitet um ihn auf ‚genehme’ Bahnen zu lenken. Diese Theorien nutzen in der Tat gewisse psychologische Ansätze, sind aber alles in allem pseudowissenschaftlich angelegt. Sie arbeiten mit Vorurteilen und vereinfachten Schemata. Nur wenige Arbeiten nutzten anerkannte nationale oder internationale Forschungsergebnisse.

Eine Arbeit allerdings ist ausnahmsweise in der Tat wissenschaftlich angelegt. Sie sollte untersuchen, inwiefern und unter welchen Bedingungen man mit Hilfe der Stimmfrequenzen herausbekommen kann, ob ein Mensch lügt oder nicht. Der Vorteil gegenüber einem Lügendetektor wäre gewesen, dass keine künstliche Situation hätte geschaffen werden müssen, sondern ein konspiratives Mitschneiden genügt hätte. Die Methode allerdings hat sich aus verschiedenen Gründen nicht als praktikabel erwiesen. Sie wäre für das MfS ansonsten ein Mittel zur besseren Erschließung der Persönlichkeit gewesen, weil Täuschungen schwieriger geworden wären.

Des Weiteren gab es auch Untersuchungen, die eine Verzerrung der Persönlichkeitsanalyse durch den ersten Eindruck verhindern sollten. Man wollte wissen, inwiefern solche Verfälschungen stattfinden, um so die Gespräche im Nachhinein analysieren und auf dahingehende Fehler untersuchen zu können. Dass auch diese Arbeit unter Zuhilfenahme ‚bürgerlicher Literatur’ entstand, zeigt sich in der bis heute bestehenden Gültigkeit. Psychologen gehen noch immer davon aus, dass jede Wahrnehmung im Rahmen der Gestaltgesetze beeinflusst ist durch den ersten Eindruck und zugleich auf diesen zurückwirkt. Dahingehend hatte die Operative Psychologie also eine durchaus berechtigte Sorge.


zurück
Inhaltsverzeichnis
weiter