7. Die Zersetzung

Die wohl wichtigste Aufgabe der Operativen Psychologie bestand darin, die Zersetzungsarbeit des MfS effizienter und nachhaltiger auf der einen, aber auch schwerer nachweisbar und diffiziler auf der anderen Seite zu machen. Dem ging eine Bestimmung voraus, wer eigentlich als Feind anzusehen war. Auch das konnte vom psychologischen Standpunkt aus eingeschätzt und bewertet werden.

7.1 Wie wurde man zum Feind?

zersetzungsblase Vereinfacht könnte man sagen, dass ein ‚Feind’ für das MfS das Gegenteil eines Tschekisten war. Er wendete sich gegen die ‚sozialistische Gesellschaftsordnung’, das heißt, er kritisierte die Partei und die Regierung der DDR in irgendeiner Weise. Die Operative Psychologie versuchte, ein solches Feindbild auch wissenschaftlich zu untermauern. Dazu definierte sie negative Einstellungen ebenso wie feindlich-negative Persönlichkeiten und sprach ihnen Attribute wie Egoismus, Gleichgültigkeit und Rücksichtslosigkeit genauso zu wie Überempfindlichkeit und Nervosität. Es sollte die Vorstellung eines schwachen, aber gefährlichen Menschen entstehen. Gleichzeitig wollte die Staatssicherheit aber auch wissen, warum sich jemand ‚oppositionell’, also auflehnend verhielt. Man versuchte, die entsprechenden Gründe in der Entwicklung, z.B. im Familienleben, zu suchen. Für das Erkennen von Feinden liegen auch Arbeiten vor, die über Stimmfrequenzen und Persönlichkeitstests die feindliche Haltung erschließbar machen wollten.

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Wie wurde man zum Feind?

7.2 Die Feindbearbeitung. Zersetzungsmethoden des MfS

Die Vielfalt der Möglichkeiten, einen Menschen von seiner Arbeit gegen den Staat bzw. in Gruppen mit oppositionellen Zielen abzulenken und seine Seele anzugreifen und zu zerstören, waren vielfältiger Natur und das MfS sehr erfinderisch. Oftmals waren die Maßnahmen individuell abgestimmt. Übergeordnetes Ziel war aber meist, dem Opfer den gesellschaftlichen und familiären Rückhalt zu entziehen, es zu isolieren und ihm somit das Gefühl zu geben, allein zu sein. Dabei spielte auch Angst eine große Rolle; meist stellte sich bei dem Betroffenen eine permanente Furcht vor Aktionen oder Zugriffen des MfS ein und oft genug waren auch Angehörige in dieser Furcht inbegriffen. In der Regel aber bemerkten Opfer nicht einmal die Täterschaft der Staatssicherheit, was ihre Angst diffus und ziellos werde ließ.
Hatte das MfS die Isolierung der Feinde realisiert, konnte es mit der Veränderung ihrer Einstellungen weitermachen. Die Möglichkeiten der Einflussnahme begannen beim Verbauen beruflicher Chancen, Verleumdungen, der Einschüchterung durch das Inszenieren von Misserfolgen und dem Untergraben von Überzeugungen, erstreckten sich über falsche ärztliche Behandlung, Diebstahl, Sachbeschädigung und Entfremdungen (besonders der Kinder von den Eltern) und endeten beim Zerstören von Liebesbeziehungen, Telefonterror, Annoncenkampagnen und schließlich bei der Haft.
War man schließlich als Feind klassifiziert, begann die so genannte „Bearbeitung“ oder auch „Zersetzung“ durch das MfS. Dazu gab es unter anderem eine Richtlinie Erich Mielkes, dem Minister für Staatssicherheit, die 1976 die wichtigsten Ziele und Vorgehensweisen der Zersetzung beschrieb. Die Umsetzung sollte durch psychologische Erkenntnisse erleichtert werden. So beschäftigte sich die Operative Psychologie beispielsweise mit der Funktionsweise von Gruppen und der Möglichkeit, diese zu stören und bestenfalls die Mitglieder auseinander zu bringen.

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Die Feindbearbeitung. Zersetzungsmethoden des MfS


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