6.4 Der IM im Einsatzgebiet

Mit diesem Thema musste sich das MfS besonders intensiv auseinandersetzen, da es ein nicht zu unterschätzendes Risiko barg. War der IM erst einmal im Feindesland, so war er dort ‚subversiven’ Einflüssen ausgesetzt, die möglicherweise einen schlechten Einfluss auf ihn gehabt hätten. Leicht hätte er enttarnt werden können oder, noch schlimmer, er hätte verraten können, wer ihn schickte und warum.

„Die Gefahren einer Deformierung der Persönlichkeit des IM durch kapitalistische Lebensbedingungen bestünden in ‚Ohnmachtsdenken, Obrigkeitsdenken, Individualismus, Prestigedenken, Konkurrenzdenken, Scheinweltdenken, Reformdenken, Konsumdenken’. 1
‚Beim mit allen psychologischen Möglichkeiten betriebenen Konsumterror, der durch die Massenkommunikationsmittel der kapitalistischen Gesellschaft ständig erreicht wird und dem man sich kaum entziehen kann, werden Wunschbilder geschaffen, Begierden geweckt, Bedürfnisse erzeugt, welche die Menschen in ihren Bestrebungen und Tendenzen vordergründig auf die Realisierung materieller Wohlstandsattribute lenken.“ 2

Das MfS hatte sehr diffuse, zum Teil sehr allgemein gehaltene Vorstellungen darüber, wie man diesen vielen einzelnen Denkweisen begegnen müsste. So sollte beispielsweise der Konsumterror schlicht als Betrug entlarvt werden und es wurde in einem Lehrheft davon gesprochen, dass dies einfach sei. Wie es allerdings geschehen sollte, das sparte man aus und überließ es dem Sachverstand des jeweils zuständigen operativen Mitarbeiters.

In vielen Dingen überschneiden sich die Lehrmaterialien über den ‚normalen’ IM-Einsatz und dem im Operationsgebiet. So stimmen freilich Motive, psychische Fähig- und Fertigkeiten sowie charakterliche Eignung überein. Lediglich die Ausprägung sollte hier noch höher sein, denn, so die Überlegung, je ausgeprägter die Überzeugungen umso geringer die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns. Interessant sind dafür aber die unterschiedlichen Umweltanforderungen, die aus Sicht des MfS an den Mitarbeiter gestellt wurden.

So ging man davon aus, dass in kapitalistischen Ländern „in der Regel sehr schnell ein nutzbringender Sinn und Zweck einer Kontaktaufnahme zu erkennen sein muß, da sonst das Interesse am Kontakt bald erlahmen kann.“ Auch wusste man viel über dortige Kommunikationsgewohnheiten. „Selbstdarstellungen, ob zutreffend oder nicht, sind sehr verbreitet und gern gesehen.“ 3

Der besonderen Wichtigkeit Rechnung tragend, sollten die hauptamtlichen Mitarbeiter Zweifeln der IMs „liebe- und verständnisvoll“ begegnen und „ein aufmunterndes Wort am rechten Platz zur rechten Zeit“ parat haben. Schließlich, das erkannte auch die Staatssicherheit, war ein IM ziemlich allein und musste sich durchkämpfen. Er konnte sich niemandem anvertrauen, war isoliert, drohte zu vereinsamen. Das sollte in etwas Positives umgemünzt werden: es sollte der Eindruck eines Märtyrertums entstehen, eines auf sich gestellten Kämpfers.

Deswegen waren die IM-führenden Mitarbeiter angehalten, etwas mit den Schützlingen zu unternehmen, ihnen Anreize für eine sinnvolle und zeitfüllende Freizeitbeschäftigung zu geben oder einfach mal eine kulturelle Veranstaltung mit ihnen zu besuchen. Das wiederum habe einen erzieherischen Effekt:

„Das ist vornehmlich eine Frage der Selbstbeherrschung. Zu den Fragen der Selbsterziehung und Selbstbeherrschung gehört die Feststellung, daß emotionale Prozesse weitgehend willkürlich steuerbar sind und daß jeder Einzelkämpfer dazu angeleitet und angehalten werden sollte.“ 4

Folgende weitere Eigenschaften waren für einen IM im Operationsgebiet notwendig:
- eindeutiger Klassenstandpunkt
- Opferbereitschaft
- Korrektes Feindbild
- Anpassungsfähigkeit und Umgänglichkeit
- Berufliche Flexibilität
- Fähigkeit zum Leiten
- gute (auch psychische) Gesundheit
- Unterdrückung von Verhaltensmustern
- Haftbedingungen gewachsen sein
- kinderlos und offen, was operative Partnerschaften angeht

Dazu wurde ein regelrechtes Training durchgeführt, das aus folgenden Komponenten bestand:
- Vermittlung von Kenntnissen und Erfahrungen
- Verhaltenstraining
- Rollenspiele
- Gedächtnistraining
- Aufklärung über Gefahren und Sicherheit
- Desensibilisierung (Abbau von Ängsten)
- Autogenes Training
- Sportprogramme

Die Bereitschaft des MfS, Zeit und auch Geld in ihre Mitarbeiter im Ausland zu stecken, wird offenbar. Doch es wurden nicht nur Bürger der DDR in das Feindesland geschickt, sondern man versuchte sich in der Werbung westlicher Bürger, z.B. unter „fremder Flagge“. Das hieß, dass sich ein Mitarbeiter der Staatssicherheit beispielsweise als CIA-Agent auswies und ein ahnungsloses Opfer zur Mitarbeit animierte. Viele Hemmungen konnten so abgebaut werden und außerdem war über den Informanten der Geheimdienst schwer zurückzuverfolgen. Schließlich war er ja selbst getäuscht worden.


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