6.3 Der Januskopf Vertrauen. Die wechselseitigen Bindungen zwischen IM, MfS und der zu bearbeitenden Person

„Vertrauensverhältnis:
Qualität menschlicher Beziehungen, die auf Grund komplexer, individuell verschiedenartiger psychischer Erscheinungen zu einer einseitigen oder beiderseitigen Bevorzugung und besonderen Anerkennung in bestimmten Lebensbereichen führt. Ein V.[ertrauensverhältnis] entwickelt sich vor allem aus Kenntnissen über den Partner, gefühlsmäßiger Zuwendung zu ihm und einstellungsmäßigem Verlassen auf ihn.
In der politisch-operativen Tätigkeit wird in der Regel von V.[ertrauensverhältnis] zwischen operativem Mitarbeiter und IM gesprochen, wobei anzustreben ist, daß der IM dem operativen Mitarbeiter volles Vertrauen entgegenbringt, während der operative Mitarbeiter in seinem Verhältnis zum IM den Sicherheits- und Kontrollaspekt nicht außer acht lassen darf.“
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Man entnimmt dieser Darstellung leicht, dass man von den IM wohl ein ausgeprägtes Vertrauen im eigentlichen Sinne erwartete. Im dtv-Atlas Psychologie heißt es:

„Vertrauen wird dem gewährt, der ein Gefühl der Sicherheit verbreitet, uns entgegenkommt, glaubhaften Optimismus vermittelt, verläßlich und treu wirkt.“ 2

Ein IM-führender Mitarbeiter konnte ein solches Verhältnis gar nicht aufbauen – denn welche Sicherheit hätten sie gehabt oder gebraucht? Verlässlichkeit und Treue, ja, das war allerdings gefragt. Um aber von Vertrauen sprechen zu können, hätten eben nicht nur diese funktionellen Komponenten vorhanden sein müssen, sondern auch zwischenmenschliche. Und gemäß dem Wörterbuch war dies schließlich auch gar nicht notwendig. Es handelte sich in diesem Fall weniger um Vertrauen für, als ein Verlassen auf den IM. Das MfS schuf dafür den Unterschied von ‚Vertrauen’ und ‚vertraulichen Beziehungen’, wobei das erstere das von beiden, letzteres nur das von einer Seite entgegengebrachte Vertrauen bezeichnen sollte.

Wie sich das MfS Vertrauen vorstellte, wird in einer Diplomarbeit deutlich, die Holger Richter ausgewertet hat:

„Um Vertrauen zum IM zu gewinnen, müsse der operative Mitarbeiter eine genaue Aufklärung der emotionalen Lage, Handlungsbereitschaften und Reaktionen des IM leisten. Das Verhalten des hauptamtlichen Mitarbeiters müsse bewußt gesteuert auf die Persönlichkeit des IM abgestimmt sein. Das Vertrauen des IM zum MfS aus Sicht des hauptamtlichen Mitarbeiters bestehe darin, daß der IM über alles berichte, den hauptamtlichen Mitarbeiter als Autorität respektiere und zuverlässig und pünktlich sei. Die Herausbildung eines Vertrauensverhältnisses aus Sicht des hauptamtlichen Mitarbeiters bedeute vor allem das Eingehen auf die Persönlichkeit des IM, die Beachtung persönlicher Probleme, das korrekte und sichere Auftreten des operativen Mitarbeiters. Eine Kontaktierungslegende, die den IM stark nach dessen Bedürfnislage anspricht, würde eine Vertrauensgrundlage bereitstellen.“ 3

Es sollte in erster Linie gesichert werden, indem der operative Mitarbeiter Interesse zeigt für das, was der IM macht oder sagt. Mit Zuckerbrot und Peitsche sollte dieser bei Laune gehalten werden; Lob und materielle Anreize im Besonderen wurden als Stimuli eingesetzt. Indem bei persönlichen Gesprächen Wertungen und Meinungen des IM respektiert wurden, sollte Vertrauen vorgespiegelt werden.

Einer empirischen Untersuchung des MfS folgend gaben IM an, was für sie an vertrauensbildenden Maßnahmen wichtig war:
- Akzeptanz der eigenen Meinung
- Wahrung der Deckung
- Offenheit und Freundlichkeit
- Vorbildfunktion des IM-führenden Mitarbeiters
- Respektierung persönlicher Verhältnisse und Probleme

Das MfS war bemüht, diesen Ansprüchen gerecht zu werden. In diesem Licht ist es auch zu sehen, dass ein Wechsel des IM-führenden Mitarbeiters in der Regel vermieden wurde. Ein mitunter mühsam aufgebautes Vertrauensverhältnis konnte darunter leiden, im schlimmsten Falle sogar zerstört werden.

Man darf bei all dieser Aufmerksamkeit hinsichtlich der IM aber nicht aus den Augen verlieren, dass sie letzten Endes nur benutzt worden sind. Es ging darum, ihnen etwas vorzuspiegeln, ihnen Vertrauen und Fürsorge zu suggerieren. Hinweise in einschlägigen Schulungsheften belegen das eindrücklich. So wurde darauf hingewiesen, dass Frauen ein besonderes Maß an Einfühlungsvermögen benötigen, weshalb hier eine schwerpunktmäßigere Arbeit durchgeführt werden sollte. Der hauptamtliche Mitarbeiter sollte nicht vergessen, dass sein Gegenüber ebenfalls eine Psyche besitze und gegebenenfalls auch auf bestimmte Situationen reagiere (!).

Was das Vertrauen der zu bearbeitenden Person dem IM gegenüber angeht, herrschten freilich ganz ähnliche Zielstellungen. So wie der hauptamtliche Mitarbeiter zum IM kein Vertrauen haben durfte (er musste kontrollieren), so durfte auch der IM nicht seiner Zielperson vertrauen. In beiden Fällen wurde aber dafür das Vertrauen des jeweils anderen eingefordert. In den Beziehungen zu Feinden sollte diese Vertrauensbildung in drei Phasen ablaufen:

1) „emotionale Phase: Der IM soll sich ins emotionale Blickfeld der Zielperson bringen
2) verhaltensausrichtende Phase: der IM soll die Zielperson dazu bringen, daß sie gegenüber dem IM ein ‚sicheres’ Gefühl besitzt.
3) Phase des selbständigen positiven Verhaltens: der IM kann die Zielperson im Sinn des MfS beeinflussen“ 4

Der IM sollte sich unauffällig beispielsweise bei Feierlichkeiten, inszenierten Unfällen oder Diebstählen und ähnlichem in das Leben des Anderen integrieren, dabei aber darauf achten, dass er nicht irgendwann selbst in Abhängigkeit von der Zielperson geriet. Dazu musste die Bindung an das MfS besonders stark sein. Bereits weiter oben wurde erläutert, wie dies versucht wurde und auch der nächste Punkt, der den IM im „Feindesland“ beschreibt, wird sich dieser Vorgehensweise noch einmal spezifizierter annehmen.

Auch die Auswahlkriterien für einen IM hingen in erster Linie davon ab, ob er sich durch seinen gesellschaftlichen Status, seine Interessen und Ansichten sowie Verhaltensweisen für den Aufbau eines Vertrauensverhältnisses zu den Bespitzelten eignete oder nicht. So war in einem speziellen Fall wichtig, dass er „‚staatlicher Leiter im Bereich einer Zielgruppe des Gegners’ [sei...], über Reisemöglichkeiten [verfüge und...] im Bekannten- und Verwandtenkreis für den Gegner interessante Kontakte und Verbindungen [besitze]“. 5 In einem anderen Fall mochte es wichtig gewesen sein, dass das Äußere eines IM der entsprechenden Kontaktperson gefiel. Denn das MfS nutzte durchaus auch sexuelle Beziehungen als vertrauensbildende Maßnahme bzw. initiierte sie für einen bestimmten Anlass.

„Entsprechend unseren Erfahrungen sind sexuelle und echte Freundschaftsbeziehungen geeigneter zur Erarbeitung solcher Informationen über
- Verbindungen, Kontakte der Verdächtigen, Widersprüche in der Persönlichkeit,
- Verhaltensweisen, Bewegungsabläufe, Regelmäßigkeiten,
- finanzielle- und Vermögenslage
als Beziehungen, die ausschließlich durch Hobbys und allgemeine oft kaum ausbaubare Interessenbereiche motiviert sind.
Zielgerichtet wurden hierbei grundlegende Erkenntnisse in der biologischen, psychischen und hormonellen Entwicklung des Menschen genutzt.“
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