6.2 Die Werbung aus Sicht eines IM

„Motivation [ist eine] Sammelbezeichnung für all jene Prozesse, durch die Psychisches angestoßen wird, zu einem mögl.[ichen] Ziel führen kann und die als Bezeichnung die Verschiedenartigkeit der individ.(uellen) Handlungen erklären soll. Die M.[otivation] besteht sowohl aus Einzelmotiven, Motivbündeln wie aus Globalprozessen, z.B. den Einstellungen.“ 1

Welche Motive konnte es für einen Menschen nun geben, mit dem MfS zusammenzuarbeiten? Schließlich war diese Institution in der Gesellschaft verrufen; ihr anzugehören stellte jeden in ein dubioses Licht, das geprägt war von Misstrauen und Abweisung. Bei einer möglichen Entdeckung der eigenen Spitzeltätigkeit durch andere lief man stets Gefahr, an den gesellschaftlichen Rand gedrängt zu werden und seine Reputation zu verlieren. Es müssen also starke Motive gewesen sein. Angelehnt an die obige Definition hätten einfache „Einzelmotive“ nicht ausgereicht. Es bedurfte schon starker Motivbündel bzw., das war jedenfalls dem MfS am liebsten, positiven ‚globalen’ Motiven. Sie wurden „innerhalb der Operativen Psychologie dreistufig angesehen und in organische und materielle, soziale und geistig-kulturelle Bedürfnisse eingeteilt.“ 2 Diesen Kategorien seien alle Einzelmotive untergeordnet.

Helmut Müller-Enbergs geht darauf ein und zählt auf, welche das hätten sein können:
- Gefühle und Stimmungen
- Interessen, Wertungen und Einstellungen
- Konflikte
- Angst
- Aggression
- Leistung 3

Gefühle konnten bei der Entscheidung für eine inoffizielle Zusammenarbeit nicht das Ausschlaggebende sein; das liegt an ihrer Beschaffenheit. Sie sind in der Regel flüchtig, sie schwanken und sind viel zu unberechenbar, als dass sie allein die Kraft gehabt hätten, einen Menschen zu einer solchen Entscheidung zu führen. Nichtsdestotrotz spielten sie natürlich eine Rolle. Geborgenheit, das Gefühl zu einer Gruppe zu gehören, bei der die eigene Meinung ein gewisses Ansehen genießt, der vermeintliche Schutz durch die ‚stärkeren Freunde’, die man nun hatte, Gleichgesinnte, die einem Wurzeln geben konnten, die man vorher nicht besaß. All das konnte Entscheidungen, wo nicht herbeiführen, da zumindest beeinflussen. Denn jeder kognitive Denkprozess unterliegt nun einmal Stimmungen, sie färben die Wahrnehmung.

Anders sieht es da schon mit dem zweiten Punkt aus. Schließlich arbeitete nicht jeder mit dem MfS, um anderen zu schaden. Manche hatten am Anfang schlicht die Vorstellung, wenn die Staatssicherheit mehr über die Menschen und Prozesse im Staat wüsste, dann könnte sie gewisse Veränderungen herbeiführen. Natürlich hatten auch materielle Fragen Gewicht. So konnte es im Interesse eines Menschen liegen, seiner Familie und seinen Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen, oder auch einfach mal ins Ausland reisen zu können. Andere wiederum waren in der Tat aus Überzeugung dabei. Diese Haltungen waren dem MfS am liebsten.

„So etwa die Einstellung, die DDR-Friedenspolitik, die Politik der Koexistenz, die sozialistische Verfassung oder die Treue zum eigenen Staat sei notwendig und richtig; oder das patriotische Empfinden, die Heimat zu schützen, mit Stolz DDR-Bürger zu sein. […] Weiterhin konnte die Ansicht motivbildend sein, in der DDR den gesellschaftlichen Fortschritt zu sehen oder einen Staat, der besonders dem Wohl der Menschen und dem Frieden zugetan sei. […] Andere fühlten sich durch sittliche Normen wie etwa Gerechtigkeit, Gleichberechtigung oder Freiheit motiviert. Oder auch durch die Ablehnung von ‚faschistischen’ oder ‚kapitalistischen’ Ordnungsmodellen, oder die Abneigung gegen gesellschaftliche Probleme wie Kriminalität, Drogen oder Arbeitslosigkeit, wo hingegen die DDR sich vergleichsweise günstig abhebe.“

Schon dieses Motivbündel ist von einem solchen Umfang, dass es die Mannigfaltigkeit der Gründe erahnen lässt, die Menschen in die Arme des MfS getrieben haben. Hervorzuheben ist hier noch der Umstand, dass obige Aufzählung freilich nicht allein auf einen Menschen zutrifft. Meist genügten schon einzelne dieser Einstellungen.

„Es war wie ein Pakt mit dem Teufel“, 4 sagte ein IM, dem aufgrund einer Schlägerei eine Gefängnisstrafe drohte und der sich daraufhin mit dem MfS einließ. Solche und ähnliche Konflikte, durchaus auch privater Natur, nutzte man zwar nicht sonderlich gern, denn wenn der Konflikt gelöst war, konnte die Bindung von Seiten des IM labil werden. Aber es gab durchaus Fälle, in denen man den seelischen Druck der Menschen nutzte, um sie zu werben.

Ähnliches galt auch für Angst. Zwar arbeitete das MfS mit untergründigen Ängsten, die insbesondere darin bestanden, dass die Kandidaten kompromittierende Offenlegungen fürchteten. Auch das allerdings verflog rasch und war zu unsicher. Es konnte aber durchaus vorkommen, dass Menschen aus Angst heraus Einstellungen bildeten. So konnte sich jemand vornehmen, sich nie wieder zu einem Vergehen hinreißen zu lassen und ein Bestreben entwickeln, es ‚wieder gut zu machen’. Es traten „‚fast bei jedem zweiten Probanden’ bei der Aufforderung zur Inoffiziellen Mitarbeit ‚als innere Faktoren Angst-, Furcht – bzw. Zwangs- oder Druckerlebnisse auf und motivierten das Verhalten mit’“, 5 so eine Studie des MfS.

Aggressionen wiederum konnten sehr wichtig sein; bot doch die Staatssicherheit eine Möglichkeit, sich an Feinden, insbesondere auch Vorgesetzten bzw. erfolgreicheren Kollegen, zu rächen, an die man sonst nicht herankam. Schon Sigmund Freud hat den Aggressionstrieb als immens prägend für das menschliche Verhalten angesehen. Er stellt eine Möglichkeit dar, eigene Probleme und Konflikte an anderen auszulassen.

Leistungen zu guter Letzt meint insbesondere den Fortschritt in der eigenen Karriere. So ermöglichte das MfS, zwar eher dezent und selten, da sonst Dekonspiration gedroht hätte, Zugang zu Studienplätzen oder unterstützte jemanden bei der Ausbildung.

Auch Holger Richter lag eine Dissertation von 1967 vor, die sich explizit mit den Motiven eines IM auseinandersetzt. Seine Zusammenfassung soll hier in einer Tabelle wiedergegeben werden. 6

Motiv Beschreibung Anteil / Werbung Anteil / Abbruch
Selbstzweck: „den man ‚aus den vom Verhalten selbst erwarteten emotionalen Erlebnissen’ ableitet. ‚Solche selbstzweckartige Effekte können Freude am Konspirieren, der Reiz des Unbekannten, erwartete Spannung u.a. sein’.
Selbstzweckmotive seien relativ instabil, weil der sittliche Charakter fehle und es sich nur um aktuelle Wertigkeitserlebnisse handele.“
11,9 0,0
Persönlicher Vorteil: „Das Verhalten ist von der individuellen Wertigkeit der erwarteten Vorteile bzw. der Nachteile abhängig.“ 27,4 12,5
Druck- und Zwangserleben: „Bei der Zusammenarbeit mit dem MfS komme diese Motivart häufig durch kompromittierendes Material und daraus folgendem Streben nach Nachteilsvermeidung vor, werde aber auch empfunden, ohne daß kompromittierendes Material vorliege.“ 23,4 10,0
Erfolgsstreben und Mißerfolgsvermeidung: „Der Autor spricht von einer starken Ich-Bezogenheit dieses Motivs, die betreffende Person verspreche sich durch die Zusammenarbeit aufgewertet zu werden.“ 11,4 2,5
Lebenspraktische Zielsetzungen: „die im wesentlichen durch soziale Anpassungstendenzen geprägt seien. Es ergebe sich eine hohe Labilisierung dieses Motivs in gesellschaftlichen Konfliktsituationen.“ 36,9 42,5
Soziale Identifikation: „bilde sich heraus und festige sich durch die Beziehung zum operativen Mitarbeiter oder anderen Personen, die zur Zusammenarbeit aufforderten auf der Grundlage ‚einer intensiven emotionalen Aufgeschlossenheit und Zuwendung oder tiefer gegenseitiger Sympathien und Zuneigungen’. Dieses Motiv sei bei Mitarbeiterwechsel leicht zu labilisieren.“ 11,2 7,5
Erleben (Nicht-Erkennen) des gesellschaftlichen Erfordernisses: „resultierend aus der Einsicht in die objektive Notwendigkeit der Zusammenarbeit und der betont gesellschaftlich orientierten Grundeinstellung der Persönlichkeit.“ 60,5 42,5
Sittliches Pflichterleben und Gewissenszwang: „als Unterpfand für hohe Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit in der inoffiziellen Arbeit.“ 49,1 80,0

Die Zahlen sind das Ergebnis einer Studie, bei der auch Mehrfachnennungen möglich waren. Anhand der Resultate konnte das MfS nun gezielter werben, wobei es sich natürlich gewisser Einschränkungen bewusst war. Da die Probanden immerhin einen Fragebogen vor sich hatten, der die Staatssicherheit thematisierte, wird man davon ausgehen müssen, dass viele sich zum Ankreuzen des vorletzten Punktes verpflichtet gefühlt haben. Die erste Spalte mit Prozentzahlen gibt an, mit welchen Gründen die Kandidaten sich hatten werben lassen, die zweite, welche Gründe sie für den Abbruch hatten. In der vorletzten Zeile bezieht sich das Erleben auf die ersten, das Nicht-Erkennen hingegen auf die Abbruchsprozentzahlen.

Da sich die Motive im Laufe der Zeit ändern und man nicht damit zufrieden sein konnte, dass derart viele sich unter Druck bzw. Zwang verpflichtet fühlten, wollte man eine ‚Veredlung’ der Motive erreichen. Man sah beispielsweise an dem erstrangigen Abbruchmotiv, dass eine grundsätzliche Aufklärung über die Sittlichkeit der IM notwendig war. Außerdem wurde bemängelt, dass MfS-Mitarbeiter nicht über das notwendige Wissen verfügten, um die persönlichen Beweggründe eines Menschen zu durchschauen bzw. sie entsprechend den Staatsinteressen zu manipulieren. Im MfS-Jargon freilich nannte man diesen Vorgang nicht Manipulation sondern ‚Erziehung’.

Bei den folgenden Ausführungen fühlt man sich an die Konzeptionen heutiger Einkaufsgeschäfte erinnert, die alles daran setzen, den Erwerb von Artikeln zum Erlebnis zu machen. Dies ermöglicht die moderne Werbepsychologie. Es mutet an wie Ironie, dass ja auch IM ‚angeworben’ wurden:

„Gerade in der Zusammenarbeit mit IM ergeben sich bei den Treffs vielfältige Möglichkeiten, diese Begegnungen für den IM individuell interessant, anziehend, mobilisierend, nützlich für seine Persönlichkeitsentwicklung zu gestalten, so daß für den IM die Teilnahme am Treff zu einem persönlichen Bedürfnis wird, daß sie nicht einseitig nur auf formaler Disziplin und Pflicht oder auch nur begründet in politische Einsichten stattfindet. Es ist von großer Bedeutung, beim IM beständig das Erlebnis hervorzurufen, daß der Treff mit dem Mitarbeiter ein persönlich bedeutsames Ereignis von hohem Wert ist.“ 7


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