5.2 Die psychologische Ausbildung der hauptamtlichen Mitarbeiter des MfS

An der JHS beschäftigte man sich unter anderem auch mit dem Aspekt der Kaderarbeit in den eigenen Reihen. Rund ein Viertel der Arbeiten, die heute nach Akteneinsicht vorhanden sind, drehen sich um dieses Thema. 1 Die Wichtigkeit erschließt sich leicht – ohne einen gut geschulten Stab von hauptamtlichen Mitarbeitern war eine effektive geheimdienstliche Arbeit nicht möglich. Im Sinne des Marxismus-Leninismus ging man in der DDR davon aus,

„[...] daß der Erfolg der Arbeiterklasse im Kampf um die Macht und beim weiteren sozialistischen Aufbau wesentlich mit davon abhängig sein wird, wie es gelingt, einen sich ständig erweiternden Kern zuverlässiger und befähigter Kader zu entwickeln.“

„Und gerade deshalb ist es notwendig, daß die gesamte Partei sich die geeigneten Leute ... systematisch, wohlbedacht und unbeirrt erzieht... .“
2

Um diese hochgesteckten Ziele erreichen zu können, beschäftigte man sich, nach Wichtigkeit geordnet, mit den Themen: Anforderungen an hauptamtliche Kader, Kaderarbeit und Leitung, Einstellungen, Motivierung und Motive, Gesprächsführung, Gesundheit, Vertrauen und Beziehungen sowie der Legende, der Persönlichkeitseinschätzung und der Werbung. 3

Als grundlegend für die theoretischen Anforderungen an die hauptamtlichen Mitarbeiter kann in diesem Zusammenhang die Definition des Wörterbuchs des MfS gelten. Dort wurde direkt ein Anforderungsbild eines Angehörigen der Staatssicherheit definiert. Man ersieht hier leicht die Mitarbeit von Psychologen an der Ausarbeitung, denn es kommen wie so oft Anspielungen auf Eigenschaften und Einstellungen vor. So war das Anforderungsbild festgelegt als

„Gesamtheit der allgemeinen tschekistischen Eigenschaften und Verhaltensweisen, die für alle Angehörigen des MfS als allgemeingültiger Bewertungsmaßstab und als Ziel der tschekistischen Erziehung und Befähigung dient. Das A.[nforderungsbild] ist aus den objektiven Erfordernissen des Kampfes gegen den Feind abgeleitet und in den Parteibeschlüssen, dienstlichen Bestimmungen und Weisungen des MfS, insbesondere den Grundsatzdokumenten der Kaderarbeit, festgelegt.

Es beinhaltet:

- feste Verbundenheit mit der Arbeiterklasse, Treue zu ihr und ihrer marxistisch-leninistischen Partei und zum Arbeiter-und-Bauern-Staat feste Freundschaft zum Sowjetvolk und den anderen sozialistischen Bruderländern, hohes sozialistisches Bewußtsein sowie hohe persönliche Kampf- und Einsatzbereitschaft,
- die Bereitschaft und Fähigkeit zur Wahrung der Konspiration und Geheimhaltung sowie zur Gewährleistung der inneren Sicherheit des MfS,
- hinreichende Lebenserfahrung, positive charakterlich-moralische Entwicklung und Eigenschaften,
- den Erfordernissen der tschekistischen Arbeit entsprechende Bildung bzw. Voraussetzungen,
- die Fähigkeit zur erfolgreichen Durchführung politisch-operativer/fachlicher Tätigkeiten,
- eine gute gesundheitliche Konstitution, physische sowie psychische Leistungsfähigkeit und gute allgemeine Belastbarkeit.

Auf der Grundlage des tschekistischen A.[nforderungsbildes] müssen aus den jeweiligen Aufgaben konkrete Anforderungen abgeleitet und insbesondere in den Funktions- und Qualifikationsmerkmalen festgelegt werden.“
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Insbesondere der letzte Satz legte die Aufgabe der Operativen Psychologie hinsichtlich der hauptamtlichen Mitarbeiter fest. Es sollte um die Schulung und Ausbildung gehen, damit es dem Tschekisten gelingt, den hohen Anforderungen des MfS genüge zu leisten. Doch wichtig waren natürlich nicht nur diese allgemeinen, sondern auch ideologische, fachliche und Persönlichkeitsanforderungen.

Was man ideologisch erwartete, geht aus einem Parteibeschluss von 1977 hervor. Stellenweise überschneidet er sich mit den im MfS-Wörterbuch beschriebenen Erwartungen. Psychologisch interessant sind die Forderungen nach „Diszipliniertheit und schöpferische[r] Initiative, Bescheidenheit und Vorbildwirkung in der Arbeit und im persönlichen Leben, menschliche[r] Reife, Selbstbewußtsein und Unversöhnlichkeit gegenüber der Verletzung der gesellschaftlichen Pflichten, Auftreten gegenüber Subjektivismus und Schönfärberei sowie Entfaltung von Kritik und Selbstkritik“ auf der Seite derjenigen Eigenschaften, die man an sich selbst fördern sollte, aber auch solche, die an den Mitarbeitern herausgebildet werden sollten: „hohe politische und fachliche Kenntnisse, immer engere Verbindung zwischen Leiter und Kollektiv, ein richtiges Verhältnis von kollektiver Leitung und persönlicher Verantwortung, die ständige Arbeit mit den Menschen, die Entfaltung ihrer schöpferischen Initiativen und Fähigkeiten, ihre umfassende Einbeziehung in die Leitung und Planung, die Beachtung ihrer Hinweise und Vorschläge, sowie die Beherrschung moderner Leitungsmethoden“. 5 Es tritt deutlich zutage, wie schwer zu erfüllen dieser Katalog war, denn wie sollte man auf der einen Seite bescheiden und selbstkritisch, auf der anderen aber stets selbstbewußt und unversöhnlich sein? Das funktionierte nur, wenn man keinerlei Fehler machte; der einzige wahre Tschekist konnte also nur der fehlerlose – und also im wahrsten Sinne unmenschliche – sein.

Diese bedingungslosen Ansprüche werden auch im Wörterbuch des MfS sichtbar. So heißt es dort unter dem Stichwort „Erziehung operativer Kräfte“, wünschenswert sei ein „zielgerichteter, bewusst organisierter Prozeß der Persönlichkeitsentwicklung der Angehörigen des MfS und der inoffiziellen Kräfte“, der sich hauptsächlich in der „Entwicklung und Festigung entsprechender sozialistischer Überzeugungen“ manifestiere. Welche Persönlichkeitseigenschaften dabei gemeint waren, steht auch noch in dem Artikel:

„Erziehung zum proletarischen Internationalismus und sozialistischen Patriotismus, zur Treue zu Partei und Staat, zur Freundschaft zur Sowjetunion, zum Haß auf den Feind und zu einer positiven Grundhaltung zu den Werten der sozialistischen Gesellschaft insgesamt, zu höchster Einsatzbereitschaft, Mut, fester Disziplin und Opferbereitschaft, zur Beherrschung der Methoden und Regeln der konspirativen Tätigkeit, zu hohem Verantwortungsbewußtsein, zu Selbstständigkeit in der Einschätzung und Entschlußfassung, zu Aufgaben der vollen Beherrschung der politisch-operativen Lage und zu größter Zuverlässigkeit und anderen wertvollen moralischen Eigenschaften“; Fähigkeit, „die kollektive wie individuelle E.[rziehung] in ihrem Entwicklungsstand einzuschätzen […] und in kluger Nutzung aller gegebenen Bedingungen, insbesondere der Wechselwirkung von Einflußnahmen und Selbsterziehung, durchzusetzen“; zuletzt auch Fertigkeiten, welche „die systematische Kontrolle der Arbeit und der Arbeitsergebnisse auf der Grundlage hoher Forderungen, die konsequente Anwendung positiver und negativer Sanktionen, die beständige Förderung von Kritik und Selbstkritik, die Nutzung und Entwicklung der Selbsterziehung und der Vorbildwirkung, die Erarbeitung und Vermittlung eines klaren Feindbildes, die der Individualität und Persönlichkeitsentwicklung entsprechende Prüfung in operativen und persönlichen Bewährungssituationen, die Nutzung äußerer, die eigene Aktivität herausfordernder sozialer, ideeller und materieller unmittelbarer Lebensbedingungen und –beziehungen u.ä.“ ermöglichen. 6

Dieser Text verrät einiges Interessantes. Beispielsweise wurde Haß als Persönlichkeitseigenschaft angesehen – das heißt, es sollte sich dabei nicht mehr nur um ein Gefühl handeln sondern um eine Internalisierung, welche Einfluss auf die ganze Persönlichkeit ausübt. Folgte man dem Satz aus der heutigen Psychologie, dass sich Persönlichkeit in dem Umgang mit Konflikten ausdrückt, so wäre also dieser Haß Grundlage allen menschlichen – bzw. tschekistischen – Handelns.

Auch kann man nur wieder die Pseudowissenschaftlichkeit konstatieren. Die Freundschaft zur Sowjetunion als Charakter- und Persönlichkeitseigenschaft festmachen zu wollen, ist schlicht und ergreifend nicht haltbar. Ansonsten enthalten diese Anweisungen unzählige Aspekte, die einem normalen Menschen während eines Lebens kaum gelingen dürften. Als Exempel sei angeführt, dass ein Mitarbeiter die politisch-operativer Lage völlig beherrschen sollte, alle Bedingungen nutzen musste und schließlich noch eine lückenlose Kontrolle der eigenen Mitarbeiter (was im Übrigen auch wieder Rückschlüsse auf das MfS zulässt) zu gewährleisten hatte.

Diese sehr weit gefassten ideologischen Anforderungen, das wurde bereits angedeutet, beziehen sich in erster Linie auf die Persönlichkeit und werden auch noch einmal gesondert unter „tschekistischer Persönlichkeit“ im Wörterbuch dargestellt. Dort wiederholt sich nahezu alles, was bereits an Anforderungen aufgezählt wurde, was schlechthin die Verbindung von Persönlichkeit und Klassenbewußtsein im Selbstverständnis des MfS deutlich macht. Einzig interessant ist noch der Hinweis auf die „sinnvolle Gestaltung der Freizeit“, die einen Tschekisten ausmachte. Bezogen auf diese Freizeitgestaltung fährt der Text fort: „Diese und ähnliche Persönlichkeitseigenschaften […]“. 7 Dies entbehrt jeden Kommentars und muss selbst dem psychologischen Laien absonderlich vorkommen.

Holger Richter hat diese Ansichten anhand von drei Zitaten verdeutlicht, die besonders die angenommene Verzahnung von Psychologie und den ideologischen Grundpositionen verdeutlichen:

„Als psychische Voraussetzungen, die die Z.[uverlässigkeit] einer operativen Kraft bestimmen, sind besonders wichtig:
- die ideologischen, moralischen und charakterlichen Grundeinstellungen sowie die konkret auf Inhalte der politisch-operativen Arbeit bezogenen Einstellungen der operativen Kräfte…“ 8

„Dieses Differenzierungsvermögen der operativen Kräfte beruht auf einer Vielzahl von psychischen Eigenschaften, wie z.B. Menschenkenntnis, Kenntnisse über die Mittel und Methoden des Feindes, gefestigtes Klassenbewußtsein, spezifische analytische Fähigkeiten, Beurteilungsvermögen, Beobachtungsfähigkeit, Entscheidungsfähigkeit, Erfahrungen im Einsatz spezifischer operativer Mittel und Methoden …“ 9

„… verlangt von dem operativen Mitarbeiter den Einsatz einer Reihe von psychischen Eigenschaften. Dazu gehören z.B. eine positive Einstellung zur Zusammenarbeit mit IM, die Fähigkeit zur Herstellung eines Vertrauensverhältnisses zum IM, Kenntnisse über die Persönlichkeit des IM, Fähigkeit zum Argumentieren und Überzeugen u.ä.“ 10

Der Kommentar Holger Richters dazu:

„Es bleibt fragwürdig, wie ‚psychische Eigenschaften’ hier wissenschaftlich gemeint sind. Einerseits werden damit überdauernde stabile Persönlichkeitsmerkmale (‚traits’) wie Einstellungen/Werthaltungen, andererseits aber auch Fähigkeiten so bezeichnet. Am ehesten ist unter den hier bezeichneten ‚psychischen Eigenschaften’ also ein allgemeiner Überbegriff zu verstehen, der Persönlichkeitszüge, Einstellungen und Fähigkeiten einschließt.“ 11

So zählten die MfS-Psychologen beispielsweise Geselligkeit zu den Einstellungen eines Menschen, genauso wie auch Freundlichkeit, Humor und Hilfsbereitschaft, was wissenschaftlich nicht aufrechterhalten werden kann. Oder auch Phantasie, die als

„Fähigkeit, aus den durch die Wahrnehmungen vermittelten Abbildern der Realität, durch ihre Umwandlungen und Kombination neue bildhafte Vorstellungen zu schaffen. Mit Hilfe der Ph.[antasie] kann der Mensch sich ‚ein Bild machen’ von selbst noch nie Wahrgenommenem, ist er in der Lage, Ereignisse und Erscheinungen in der Zukunft vorwegzunehmen, damit die Wirklichkeit tiefer zu begreifen.“ 12

definiert wird. An diesem Begriff macht Holger Richter auch eines ganz besonders deutlich, nämlich wie stark teilweise die Praxis von der Theorie abweichen konnte. Damit zeigt er zum einen die praktischen Grenzen des Ministeriums für Staatssicherheit auf, aber auch die Übernahme praktischer Erkenntnisse als ‚Ergebnisse’ der Operativen Psychologie. Ein ehemaliger Offizier zur Phantasie:

„Ich denke auch, daß da viel Phantasie und ‚gesunder Menschenverstand’ dabei ist. Wenn du erstmal so einen Auftrag hast, weiß ich, der Templin soll ‚kaltgestellt’ werden, dann können sich fünf Leute zusammensetzen, die haben doch Phantasie, wie man selber kaputtzuspielen ist, und da braucht man wahrscheinlich nicht unbedingt Anleitung und theoretischen Hintergrund.“ 13

Schließlich findet man im Wörterbuch des MfS auch solch einen Begriff wie Treue und auch zur Disziplin bzw. zur Disziplinlosigkeit gibt es in den entsprechenden Akten Hinweise. Erstere wurde als „Persönlichkeitseigenschaft [begriffen], die große Beständigkeit im Verhalten der Persönlichkeit zu gesellschaftlichen Erscheinungen, Werten und Normen ausdrückt“, 14 während zur Disziplinlosigkeit ausgesagt wurde, wer „gegen die revolutionäre Ordnung [verstoße], […] ist ‚ein zu nichts brauchbarer Mensch’, wie es in den ‚Merksätzen für die Mitarbeiter der Tscheka’ seit Anbeginn ihres Bestehens heißt.“ 15

Neben diesen Persönlichkeitseigenschaften kannte die Operative Psychologie auch so genannte elementare Fähigkeiten, wie z.B. Gedächtnis- und Wahrnehmungsfunktionen sowie auch Gefühle. Doch auch hier verwendete das MfS Elemente, die von der akademischen Psychologie so nicht getragen werden können. So stellen die oben genannten in der Tat allgemeine Funktionen dar, da schließlich jeder ein Gedächtnis, eine Wahrnehmung etc. besitzt. Jedoch ist die Bezeichnung von „Lern- und Bildungsfähigkeit, Menschenkenntnis und Einfühlungsvermögen, Kontaktfähigkeit, Beobachtungsfähigkeit und Einschätzungsfähigkeit“ 16 keinesfalls wissenschaftlich. Sie können schließlich bei jedem anders ausgeprägt sein, das Attribut ‚allgemein’ ist hier also auch vom nicht-psychologischen Standpunkt her nicht haltbar.

Etwas spezifischer sind da schon die folgenden Fähigkeiten:

„… auch jene Eigenschaften, die es ermöglichen, das Vertrauen anderer Menschen zu erwerben, Sympathie bei ihnen zu erzeugen, Einfluß auf sie zu gewinnen, sich in allen Situationen gut zu beherrschen, sich die optimistische Kampfesstimmung beständig zu bewahren, Gefahren real einzuschätzen und sich nicht von ihnen beängstigen zu lassen. Auch die Fähigkeiten, das eigene Verhalten umsichtig zu tarnen; Legenden für die Realisierung der Aufträge zu finden und anzuwenden, beweglich und prinzipienfest eine Maßnahme durchzusetzen und sich vor einer Entscheidung und ihren Konsequenzen nicht zu drücken …“ 17

Das ließe sich fortführen, auch hier kennt das Wörterbuch des MfS zahlreiche Begriffe wie z.B. ‚operative Anpassungsfähigkeit’ oder ‚Befähigung’, und auch hier kann von Wissenschaftlichkeit keine Rede sein. Dies wird einmal mehr deutlich, wenn man die Neudefinition der akademischen Psychologie so nichtb ekannter Begrifflichkeiten betrachtet. So weist Holger Richter auf die so genannte ‚Disponibilität’, die es in dieser Form nicht im Sprachgebrauch der Psychologie gebe.

Für die Arbeit des Ministeriums für Staatssicherheit war ‚Menschenkenntnis’ unentbehrlich. Sie sollte in erster Linie dazu dienen, die eigenen Kollegen bzw. unterstellten Mitarbeiter sowie freilich auch die IM und die Beschuldigten kontrollieren zu können. Das MfS glaubte, ein Höchstmaß an Menschenkenntnis sei der Schlüssel zur Lösung aller geheimdienstlichen Probleme. So wurde sie dementsprechend auch definiert, nämlich als

„… jene Fähigkeit, die es dem Mitarbeiter oder IM ermöglicht, politische Anschauungen, Charakter, Temperament, Interessen und andere Motive wie auch die Fähigkeiten anderer Menschen auf Grundlage seiner Lebenserfahrung relativ schnell und unmittelbar einzuschätzen. Menschenkenntnis ist aufs Engste mit dem
Einfühlungsvermögen einer Person verbunden. Einfühlungsvermögen ist die Fähigkeit, sich aufgrund seines Wissens und eigener Erfahrung in das Gefühlsleben und die Denkweise eines anderen Menschen in bestimmtem Maße hineinzuversetzen … Einfühlungsvermögen setzt Achtung vor dem anderen Menschen voraus, Verständnis, Sachlichkeit und gute Beobachtungsfähigkeit“.
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Grundlage dieses Einfühlungsvermögens war nach Einschätzung des MfS das richtige Klassenbewusstsein. Das zeigt erneut die Unwissenschaftlichkeit der ganzen ‚Wissenschaft’, denn schon der Psychologe Rogers hat jedem Menschen das Empathievermögen zugesprochen und als eine der grundlegendsten sozialen Fähigkeiten beschrieben. Hinzu kommt der Zynismus des Textes, der von Achtung vor dem Menschen spricht und im gleichen Atemzug dieses Vermögen zu einer der Grundlagen der Operativen Psychologie macht.

Ein anderes gutes Zeugnis dafür ist eine Dissertation von 1988, die sich der Verbesserung kommunikativer Prozesse zwischen den Mitarbeitern widmet. Sie ist fundiert angelegt und kommt zu überzeugenden Ergebnissen, wäre also grundsätzlich sehr geeignet, um Einzug in die Kaderarbeit der Operativen Psychologie zu finden. Aber da es in diesen Verbesserungs- und Trainingsvorschlägen um indirekte Kommunikation, das Mitteilen von Erlebtem und ein besseres Zuhören geht und dies dem hierarchischen Gespräch bzw. dem militärischen Grundton des MfS widersprach, stand es den eigentlichen Praktiken der Behörde diametral entgegen.

Weitere direkte Aufgaben der Psychologie in diesem Zusammenhang 19 waren:
- Motivierung zum Kampfeinsatz
- Angstabbau
- Einschätzung der psychischen und physischen Beanspruchung
- Einschätzung der Leistungs- und Reaktionsfähigkeit

All diese Aspekte trafen in einer ganz besonders spezifischen Art und Weise auf den so genannten Untersuchungsführer zu. Da dieser in direktem ‚Feindkontakt’ stand, musste seiner Arbeit mehr Aufmerksamkeit gezollt werden als sonst. Schließlich bestand stets die Gefahr, dass er durch die Konfrontation mit gegensätzlichen Meinungen, verbalen Angriffen und möglicherweise verlockenden Auffassungen in seinem Klassenstandpunkt beeinträchtigt wurde und schlussendlich seine bis dahin positive Grundhaltung aufgab.

Um das zu gewährleisten, erarbeitete man Vorschläge für den Umgang mit Beschuldigten bzw. deren Aussagen. So sollte der Untersuchungsführer nicht versuchen, verbal auf Attacken zu reagieren und sich zur Wehr zu setzen, sondern Verständnis heucheln und dabei dennoch seiner Grundposition treu bleiben. Autorität war ein weiterer wichtiger Punkt: die Operative Psychologie stellte fest, dass mangelnde orthographische Kenntnisse zu Einbußen im Ansehen dem Beschuldigten gegenüber führen können. Außerdem sollte Autorität über ein selbstbewusstes Auftreten gewährleistet sein, das, unterstützt von dem Bewusstsein, das sozialistische Recht hinter sich zu haben sowie verbunden mit einer moralisch- und kulturell angemessenen Lebensweise, voll zur Geltung kommen sollte. Mit solchen Weisheiten ausgestattet, hatte der Untersuchungsführer nun aufzutreten. Konkreter als seine Möglichkeiten für den Umgang mit seinem Gegenüber beschrieb man dafür die Anforderungen an seine Fähigkeiten, die wiederum psychologisch nicht haltbar, weil übermenschlich sind:

„Dabei kommt es beim Untersuchungsführer auf ‚… peinliche Genauigkeit und Exaktheit an; er müsse auch nach Stunden in der Lage sein, Äußerungen wörtlich widerzugeben.’ […]
‚Der Untersuchungsführer muß eine im Prinzip uneingeschränkte soziale Kontaktfähigkeit entwickeln, also zu beliebigen Menschen möglicht schnell einen für die Aufgabenrealisierung günstigen interpersonellen Kontakt herstellen können…’ “
20

Des Weiteren beschrieb das MfS auch Möglichkeiten, wie ein Untersuchungsführer reagieren konnte, wenn die Situation der Vernehmung kompliziert wurde: 21

- wenn der Vernommene schweigt, dieses Schweigen „verbalisieren“ oder auch
- seine Neugier wecken,
- diskreter Umgang mit den Themen (diskret meint, dass eigenes Wissen zurückgehalten wird),
- „Verbalisierungen emotionaler Sachverhalte“,
- über Lügen hinwegsehen (zumindest für die Zeit der Befragung), um die psychische Konsistenz des Beschuldigten zu erhalten.

Es existieren Arbeiten über Tauglichkeit, Fragen der Leitung von Kadern, Eignung zur Konspiration, Einstellungen der hauptamtlichen Mitarbeiter und vieles anderes mehr. Doch aus dieser Vielzahl von Themen ragt eines noch ganz besonders hervor und bedarf einer näheren Betrachtung: die Frage der Motivation. Eine anonyme Befragung ließ folgende Motive für die Arbeit beim MfS hervortreten: 22

- gute finanzielle Entlohnung (62%)
- günstige „Urlaubs- und Ausgangsbedingungen“ (46%)
- politische Gründe (48%) (dieser Wert unterlag starken Schwankungen, so lag er bei Abiturienten deutlich niedriger als bei Parteimitgliedern der SED)

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass gerade einmal 0,85% der Befragten (!) sich dem MfS sehr stark verbunden fühlten, dagegen um die 65% schwach oder sehr schwach. Dementsprechend hätten sich auch nur 14% derjenigen für eine weitere Beschäftigung beim MfS verpflichtet, die auf Zeit im Wachregiment waren. Diese nicht gerade guten Ergebnisse für das Ministerium für Staatssicherheit sollten in erster Linie durch die hauptamtlichen Mitarbeiter verbessert werden.

Dazu wurden als Möglichkeiten angeboten:

- die Arbeit mit Sanktionen
- das Bewusstmachen oder nach Bedarf auch Schaffen von Widersprüchen
- Einnahme einer Vorbildrolle
- Schaffung eines Vertrauensverhältnisses

Dabei heißt es grundsätzlich zu Sanktionierungen:

- „immer vom positiven Kern der Persönlichkeit ausgehen;
- die UaZ [Unteroffiziere auf Zeit, Anm. d. Verf.] sind keine Erziehungssubjekte, sondern Persönlichkeiten;
- die Arbeit mit Sanktionen muß ein ständiges Prinzip der Leitungs- und Führungstätigkeit darstellen;
- die Anwendung von Sanktionen hat unter Berücksichtigung der Persönlichkeit zu erfolgen und ist differenziert anzuwenden; …
- zwischen positiven und negativen Sanktionen muß ein ausgewogenes Verhältnis bestehen;
- Ausschöpfung aller Möglichkeiten von Sanktionen; …
- wo es angebracht ist, können auch Erfolgserlebnisse geschaffen werden.“
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Neben diesen Anweisungen existieren Übungshefte, die hauptamtliche Mitarbeiter im Training ihrer Anbefohlenen schulen sollten. Diese Hefte stellen fundierte psychologische Überlegungen vor, mit denen „Motivierung, Orientierung, Entscheidungsfindung, Planung, Ausführung, Kontrolle und Vergleich von Übungen“ möglich war. Ziel war es, das Verhalten der Lernenden möglichst genau steuern zu können, wobei mit durchaus modernem und profundem Wissen operiert wurde. So kamen beispielsweise Gruppendiskussionen genauso zur Sprache wie Rollenspiele.


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