5.1 Der Lehrstuhl II für Operative Psychologie an der Juristischen Hochschule Potsdam

Das Ministerium für Staatssicherheit galt zur Zeit seiner Auflösung als einer der effektivsten Geheimdienste der Welt. Diesen Status hatte es erreicht, weil es kontinuierlich an sich gearbeitet hat und stets bemüht war, noch bessere und effizientere Methoden sowie nachhaltiger motivierte und geschulte Mitarbeiter zu finden. Das Letztere war hierfür die Grundbedingung, es brauchte einen gut ausgebildeten Kader, um den Anforderungen des obersten Dienstherrn, seit 1957 Erich Mielke, gerecht werden zu können. Aus diesem Grund eröffnete die Staatssicherheit bereits 1951 die so genannte „Juristische Hochschule Potsdam“, besser bekannt und zutreffender bezeichnet als die Schule des MfS. Hier gab es allerdings nicht nur juristische Probleme zu erörtern, dafür aber unter anderem psychologische, z.B.: Wie zersetzt man einen Menschen?

Innerhalb der Sektion „Politisch-Operative Spezialdisziplin“ gab es dafür einen Lehrstuhl, der sich intensiv mit dieser Frage beschäftigte: den Lehrstuhl II für Operative Psychologie. Er wurde im Jahr 1965 gegründet; zur gleichen Zeit erlangte die Einrichtung Hochschulstatus, der jedoch nie im offiziellen Verzeichnis erwähnt wurde. Nur drei Jahre später erhielten die Kandidaten das Recht zu promovieren. Es wurden nun ganz offiziell Diplom- und Fachschuljuristen ausgebildet. Meist handelte es sich um Offiziersschüler.

Obwohl die Operative Psychologie einen vergleichsweise geringen Anteil der Studienzeit in Anspruch nahm (etwa 5%) und in den letzten Jahren der DDR auch nur acht Mitarbeiter den Lehrstuhl betreuten, wurde hier der Grundstein für den so genannten Zersetzungsvorgang gelegt. 1 Aus diesem Grund war man fest davon überzeugt, „‚daß die Psychologie einen Beitrag zur weiteren Erhöhung des Nutzeffektes der tschekistischen Tätigkeit leisten sollte, weshalb die Ausbildung in ,Operativer Psychologie’ als ‚unverzichtbarer Bestandteil’ des Studiums an der Hochschule des MfS in Potsdam galt.“ 2 Dementsprechend galt auch die Maxime, möglichst nahe an den praktischen Erfordernissen und konkreten Anwendungen zu arbeiten.

Die Mitarbeiter sollten nicht nur aus alltagspsychologischem Wissen heraus Menschenkenntnis ableiten können, sondern ganz bewusst darauf achten, welche Persönlichkeit ein Mensch besitzt, warum er sich wie verhält und schließlich auch, wie man auf solche Verhaltensweisen, Einstellungen und Persönlichkeitseigenschaften Einfluss nehmen kann. Störend dabei war nur, dass man selbst wusste und auch bekannte, wo die eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten lagen: bei der Mannigfaltigkeit seelischer Prozesse. Trotz der in den psychologischen Grundsätzen geschilderten, teilweise schlicht vereinfachten und banalisierten Betrachtungsweise des MfS, wusste man um die nicht zu durchschauende Komplexität menschlichen Lebens und fürchtete sie.

Doch ungeachtet der Schwierigkeiten wollte und musste man sich mit der Problematik beschäftigen und sich ihr so gut wie nur irgendwie möglich nähern. Denn auch die Bundesrepublik widmete sich psychologischen Erkenntnissen. Klaus Behnke drückt das so aus: „Beim ‚Klassenfeind’ tat sich etwas, dem man nicht tatenlos zusehen konnte. Es erforderte eine Reaktion, die auch prompt erfolgte.“ 3

Allerdings waren die Anfänge nicht sonderlich professionell gewesen. Die JHS war in ihren ersten Tagen nicht viel mehr als eine Schule, mit Lehrern und Klassen. Es wurde keine akademischen Grade oder Abschlüsse verliehen. Erst in den sechziger Jahren setzte der Trend dahingehend ein, sich einen Hochschul-Status zu erarbeiten. Das funktionierte eigentlich ganz einfach, „es wurden Sektionen, Institute und Lehrstühle gegründet, die vormaligen ‚Lehrer’ wurden Assistenten und Oberassistenten, der ‚Schulleiter’ wurde Rektor, es wurde ein Senat gegründet, es wurden Lehrbefähigungen (‚facultas docendi’) vom Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen gegründet.“ 4 Nachdem anfangs mehrheitlich ‚alte Kämpfer’, die selbst keine akademischen Grade besaßen, den Unterricht geleite hatten, übernahmen diese Funktionen zunehmend jüngere und besser ausgebildete Menschen, so dass sich das Bildungsniveau der Schule stetig hob.

Es gab im weitesten Sinne zwei Aufgaben, mit deren Bearbeitung sich das Studienfach beschäftigte. Das war auf der einen Seite all das, was mit dem Einsatz von IM zu tun hatte und auf der anderen Seite der gesamte Komplex der Zersetzungsmaßnahmen. Umgesetzt werden sollten sie meist in Lehrveranstaltungen, Seminaren und Übungen (z.B. Rollenspiele). Holger Richter spezifiziert das noch und gliedert in 4 Bereiche:

- die Ausbildung und Schulung der hauptamtlichen Mitarbeiter
- die IM-Arbeit
- die politisch-operative Bearbeitung von Feinden
- der Kampf gegen feindliche (insbesondere kapitalistische) Ideologien. 5

Danach lassen sich auch die Themen der Schulungshefte kategorisieren:

Grundlagen-Thema Anzahl (Anteil)
Grundlagen der Persönlichkeitseinschätzung 11 (24,9%)
Persönlichkeitseigenschaften 6 (13,6%)
Denken, Allgemeine Grundlagen je 5 (11,4%)
Psychologie und MfS 3 (6,8%)
Vertrauen, Beziehungen, Emotion, Gesprächsführung,
Motivation, Psychische Prozesse, Wille
je 2 (4,5%)
Einstellungen, Anforderungen an den Kader je 1 (2,3%)

Der erste Punkt in Holger Richters Einteilung beinhaltete die Schulung der eigenen Leute. Sie sollten effektiver am Menschen arbeiten können, mehr Verständnis für innere Prozesse entwickeln, was insbesondere auch bei Punkt zwei wichtig wurde. Denn IM mussten gut eingeschätzt werden, um sich vor Überraschungen wie Unehrlichkeit oder falschen Informationen zu schützen. Die Feindbearbeitung, die in starkem Maße auch von den IM durchgeführt wurde, musste ebenfalls mit psychologischem Fingerspitzengefühl erfolgen. Die alte Methode des Niederknüppelns von Oppositionellen, wie sie bis Anfang der sechziger Jahre praktiziert wurde, war nicht mehr vertretbar, sodass man subtiler vorgehen musste. Die Mitarbeiter sollten lernen, wie dies bewerkstelligt werden konnte. Der Kampf gegen die Ideologien schließlich sagt aus, dass auch die sozialistische Psychologie die bürgerliche zu entlarven hatte als Manipulations- und Diversionsmittel des kapitalistischen Imperialismus.

Die konkreten Aufgaben wurden 1980 festgelegt, also in einer Phase, in der man eindeutiger und konkreter beim Namen nannte, was bisher das Gemeinte verblümen sollte. Die gesamte Grundlagenliteratur zum Thema zitiert diese Aufgaben in aller Ausführlichkeit, weswegen das auch hier geschehen soll.

„1. Die Entwicklung und der Einsatz psychologischer Verfahren zur Feststellung der Eignung operativer Kräfte für spezielle Funktionen und Tätigkeiten.
Wesentliche Gegenstände der Arbeit auf diesem Gebiet sind:
- die Feststellung der Eignung von Kadern für mittlere Leitungsfunktionen,
- die Feststellung der Eignung von Kadern für operative Tätigkeiten, die spezielle Leistungsvoraussetzungen erfordern (z.B. die Kontrolltätigkeiten an der GÜST [Grenzübergangsstelle, Anm. d. Verf.], für Untersuchungsführer, operative Beobachter und Ermittler u.ä.),
- die Feststellung der Arbeitseinstellungen, Motivationen und anderer bedeutsamer Persönlichkeitseigenschaften operativer Kräfte für politisch-operative Tätigkeiten (z.B. der Berufs- und Bildungsmotivation der Kader, der Motivationen in der inoffiziellen Arbeit),
- die Feststellung der Eignung von IM für die Ausübung bestimmter Funktionen (z.B. als IMB [Inoffizieller Mitarbeiter mit Feindberührung, Anm. d. Verf.], als FIM [Führungs-IM, Anm. d. Verf.], als IM-Beobachter, als IM-Ermittler) bzw. innerhalb der Funktionen für weitere spezielle operative Tätigkeiten.

Sicherzustellen ist dafür der Überblick über und die auswählende Übernahme von Erkenntnissen der sozialistischen Arbeitswissenschaften (speziell der Methoden der Arbeitsklassifikation), der psychologischen Eignungsdiagnostik (speziell der Analyse von Arbeitsanforderungen, der Methoden der Eignungsdiagnostik und ihrer Entwicklung), der Arbeitsmedizin und anderer medizinischer Richtungen (speziell der Entwicklung objektiv sicherer Professiogramme und Methoden der Tauglichkeits- und Eignungsfeststellung im Bereich vorwiegend geistiger Tätigkeiten), der Leistungswissenschaft und weiterer Disziplinen sowie die den operativen Erfordernissen und Bedingungen entsprechende Anpassung solcher Erkenntnisse und die Eigenentwicklung spezifischer eignungsdiagnostischer Verfahren.

2. Die Qualifizierung der Einschätzung der die politische Zuverlässigkeit operativer Kräfte und operativ interessierender Personen wesentlich bestimmenden politisch-ideologischen Einstellungen und Überzeugungen und anderen Persönlichkeitseigenschaften.
Wesentliche Arbeitsgegenstände sind:

- die Überprüfung der Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit von IM (differenziert nach Kategorien oder den generellen Einsatzrichtungen),
- die Feststellung persönlicher Voraussetzungen, Eigenschaften und Verhaltensweisen von Menschen im Rahmen von Sicherheitsprüfungen zu Reisekadern, Delegationen u.ä. Personenkategorien,
- die Überprüfung von Antragsstellern auf Reisen in das NSW [Nichtsozialistische Wirtschaftsgebebiet, Anm. d. Verf.] in dringenden familiären Angelegenheiten,
- die Überprüfung weiterer operativ interessierender Personen wie Anzeigeerstatter, Auskunftspersonen, Zeugen u.ä.,
- die Einschätzung von Motivationen, Einstellungen und anderen operativ bedeutsamen Persönlichkeitseigenschaften von negativ und feindlich handelnden Personen.

Notwendig ist dafür die beständige und systematische Prüfung und Nutzung neuer Erkenntnisse der psychologischen Diagnostik der Persönlichkeit, der forensischen Psychologie, der Kriminalistik, auch der klinischen Psychologie und Teilen der Psychiatrie sowohl in Form der Übertragung und Verfahrensanpassung an Bedingungen der politisch-operative Arbeit als auch verstärkt durch spezielle eigene in operative Prozesse integrierte Verfahrens- und Methodenentwicklungen auf diesem Gebiet.

3. Die beständige Sicherung einer anforderungsgerechten Einschätzung von Motivationen, Überzeugungen und Einstellungen und anderen operativ bedeutsamen Persönlichkeitseigenschaften operativer Kräfte als solche das gegenwärtige und zukünftige Verhalten bestimmende Voraussetzungen.
Wesentliche Arbeitsgegenstände sind:

- die Feststellung der aufgabenbezogenen gegenwärtigen und auf Entwicklungsperspektiven gerichteten Motivationen und Einstellungen der Kader und inoffiziellen Mitarbeiter,
- die Einschätzung der persönlichen Belastbarkeit operativer Kräfte in Entscheidungs-, Konflikt- und Risikosituationen,
- die Ursachenforschung zu disziplinarischen Verfehlungen und anderen Fehlhandlungen

Zu gewährleisten ist hierfür die gezielte Auswahl und modifizierte Übernahme von Erkenntnissen und speziellen Analysemethoden der Soziologie, der Arbeitswissenschaften, der Persönlichkeitspsychologie (besonders der Motivationsforschung), der Militärpsychologie, der klinischen Psychologie und Medizin. Gleichzeitig sind durch interdisziplinäre wissenschaftliche Arbeit zu diesen Gegenständen interne Qualitätskriterien, Bedingungen und Mittel zu erarbeiten und abhängig von Einsatzrichtungen, Linien, Arbeitsbereichen u.ä. eigene Analyseverfahren mit hoher Treffsicherheit zu entwickeln.

4. Die Qualifizierung der Einschätzung des Entwicklungsstandes operativ bedeutsamer sozialer Beziehungen zwischen Personen bzw. in Gruppen.
Wesentliche Arbeitsgegenstände sind:

- die Einschätzung der Bindungen und des Vertrauensverhältnisses des IM zum operativen Mitarbeiter
- die Einschätzung der vertraulichen Beziehungen zwischen IM und operativ bearbeiteter Person,
- die Einschätzung des Charakters der operativ bedeutsamen sozialen Beziehungen operativ bearbeiteter Personen zu Verwandt, Bekannten, Kollegen usw. (z.B. Einflußpersonen, Abhängigkeiten, soziale Isolierung, Wirkungsfeld u.ä.)
- die Einschätzung der sozialen Beziehungen in Gruppen, die in Operativen Vorgängen bearbeitet werden (z.B. Funktionsstruktur, Beziehungsstruktur, Tendenzen der Festigung oder des Zerfalls, Gruppenatmosphäre u.a.),
- die Einschätzung der Kampfkraft und Atmosphäre in Dienstkollektiven.

Neben der verstärkten Nutzung und weitgehenden Übertragung von neueren Erkenntnissen der Sozialpsychologie, Militärpsychologie und forensischen Psychologie zur qualifizierten Einschätzung sozialer Beziehungen und Wechselwirkungen in Gruppen sind vor allem für die Aufdeckung psychologischer Gesetzmäßigkeiten in den in der inoffiziellen Arbeit besonders bedeutsamen individuellen zwischenmenschlichen Beziehungen wesentlich größere eigene Anstrengungen – koordiniert mit angrenzenden Wirtschaftsdisziplinen – erforderlich. Tiefer sind in diesem Zusammenhang Probleme des Freund-Feindbildes als verhaltenssteuernde innere Bedingungen bei IM und Verdächtigen zu erkunden und als Teilkomponenten politisch-operativer Prozesse zu lösen.

5. Das Erfassen und Einschätzen psychischer Bedingungen als Bestandteil von Massenerscheinungen.
Als Arbeitsgegenstände sind aufzufassen:

- das Erfassen von Erscheinungsformen und Entwicklungsbedingungen psychischer Zustände in operativ bedeutsamen Massensituationen,
- die Einschätzung voraussichtlicher wie tatsächlicher psychologischer Wirkungen von besonderen Situationen und Ereignissen (Verteidigungszustand, Katastrophenfälle, große Havarien, Häufung anonymer Drohungen in einem Territorium u.ä.) auf die Stimmungen und Reaktionen der Bevölkerung als Bestandteil der Lageeinschätzung.

Erforderlich ist, für diese Gegenstände und Probleme vor allem die Potenzen der Militärpsychologie, der Sozialpsychologie, der Soziologie, der Massenkommunikationsforschung und einiger Bereiche der Leitungswissenschaft und Sprachwissenschaft zu erschließen und differenzierte Erkenntnisse für spezifische Zwecke und Erfordernisse der Vorbereitung auf den Verteidigungszustand, für Katastrophenfälle, für die Öffentlichkeitsarbeit des MfS, für besondere politisch-operative Aktionen und Einsätze u.ä. zu erarbeiten und bereitzustellen.

In der zweiten Hauptrichtung der Entwicklung der Operativen Psychologie lassen sich folgende inhaltliche Probleme bestimmen:

1.Die Qualifizierung der Befähigung operativer Kräfte im Prozess der politisch-operativen Arbeit, speziell durch die Entwicklung anforderungsorientierter Verfahren.
Wesentliche Arbeitsgegenstände sind:

- die Befähigung operativer Mitarbeiter zur IM-Arbeit und zur Bearbeitung Operativer Vorgänge,
- die Befähigung operativer Mitarbeiter zur richtigen Arbeit mit Informationen und zur objektiven Lageeinschätzung,
- die Entwicklung von Fähigkeiten Inoffizieller Mitarbeiter zum Erkennen, Aufklären und Bearbeiten feindlich-negativer Personen und Handlungen,
- die Befähigung Inoffizieller Mitarbeiter zum Herstellen und Ausbauen vertraulicher Beziehungen zu operativ interessierenden Personen,
- die Befähigung Inoffizieller Mitarbeiter zur subjektiven Einschätzung von Personen und Situationen.

Zu gewährleisten ist hierfür die weitgehende Ausschöpfung der Erkenntnisse der pädagogischen Psychologie, der Arbeitspsychologie, der Arbeitswissenschaften, der Pädagogik und bestimmter Bereiche der Militärpsychologie und –pädagogik. Empirisch im MfS entstandene und genutzte Erkenntnisse zu Mitteln, Methoden und Bedingungen der Befähigung operativer Kräfte sind tiefer zu erfassen, zu verallgemeinern und systematisch zu interdisziplinärer wissenschaftlicher Arbeit zu vervollkommnen und in ihrem Wirkungsgrad zu erhöhen.

2.Die Entwicklung und der Einsatz effektiver Trainingsverfahren zur Herausbildung und Festigung spezifischer Verhaltensweisen, Fähigkeiten und Fertigkeiten bei operativen Kräften.
Wesentliche Arbeitsgegenstände sind:

- Entwicklung von Wahrnehmungs-, Gedächtnis- und Denkfähigkeiten bei operativen Beobachtern,
- Entwicklung der Wahrnehmungs- und Entscheidungsfähigkeit bei Identitätskontrollen an der GÜST,
- Entwicklung von Verhaltensweisen und Fähigkeiten zur Gesprächsführung bei Untersuchungsführern, Ermittlern u.ä.,
- Entwicklung von Verhaltensweisen und Fähigkeiten für eine effektive Leitungstätigkeit bei Nachwuchskadern und Angehörigen der Kaderreserve für leitende Dienststellungen.

Diese Gegenstände erfordern die gezielte Nutzung von Erkenntnissen der Arbeits- und Ingenieurpsychologie, der Sportpsychologie, der pädagogischen Psychologie (speziell der Lernpsychologie) – vor allem in Form der Übertragung von Grundlagenkenntnissen zu Trainings- und Konditionierungsverfahren in die Erfordernisse der politisch-operativen Arbeit und die an konspirative und weitere Tätigkeitsbedingungen angepaßte Modifizierung gegenüber und Entwicklung eigener Trainingsverfahren auf diesen Grundlagen.

3.Die Entwicklung praktikabler Vorgehensweisen zur Einstellungs- und Verhaltensänderung bei IM und operativ interessierenden Personen.
Wesentliche Arbeitsgegenstände sind:

- die politisch-ideologische Erziehung der IM bei verschiedenen Werbegrundlagen (Probleme der Feindvermittlung, der Festigung der Bereitschaft zur Zusammenarbeit, der Erziehung zur Wachsamkeit, Geheimhaltung und Wahrung der Konspiration),
- die direkte Beeinflussung von Personen, um sie von geplanten feindlichen Handlungen abzubringen (z.B. durch Vorbeugungsgespräche
- die Rückgewinnung irregeleiteter, schwankender Personen auf gesellschaftsmäßige Handlungen und Verhaltensweisen,
- die ideologische Stabilisierung operativ bearbeiteter und operativ interessierender, exponierter Personen mit negativen Grundhaltung nach bzw. im Zusammenhang mit ihrer Rückgewinnung
- Veränderung negativer und Festigung gesellschaftsmäßiger Einstellungen und Verhaltensweisen durch die operative Arbeit im Strafvollzug bzw. bei der Wiedereingliederung von haftentlassenen exponierten Personen.

In wesentlich stärkerem Maße als bisher sind hierfür Grundlagenerkennntnisse und empirische Forschungsergebnisse vor allem der Sozialpsychologie, der klinischen Psychologie (spezielle der Psychotherapie und Psychohygiene), der Strafvollzugspsychologie und –pädagogik und zum Teil der Medizin nutzbar zu machen. Verfahren bzw. Methoden der Persönlichkeitsbeeinflussung, die in diesen Wissenschaftsdisziplinen entwickelt wurden, sind durch notwendige Anpassungs- und Übertragungsleistungen für den Einsatz in der operativen Arbeit aufzubereiten. Der Schwerpunkt liegt jedoch in der eigenständigen Entwicklung von Einflußverfahren, die die Bedingungen der konspirativen Tätigkeit berücksichtigen und die sowohl kurzfristig und situationsbezogen als auch langfristig einsetzbar sind. Zu denken wäre hier an Einflußverfahren, die auf der Nutzung sprachlicher, therapeutisch orientierter und anderer direkter und indirekter Mittel beruhen.

4. Mitwirkung an der Vorbereitung operativer Kräfte auf ihren Einsatz im Rahmen operativ bedeutsamer Massensituationen.
Wesentliche Arbeitsgegenstände sind:

- Entwicklung von Verfahrensweisen zur kurzfristigen Lenkung des Verhaltens von Menschen / Menschengruppen unter dem Eindruck spezieller Massensituationen (z.B. Katastrophenfälle, große Havarien, Terrorhandlungen, Paniksituationen u.ä.),
- Anwendung von Mitteln und Methoden der Massenkommunikation zur Lenkung der Bewegungen großer Menschenansammlungen (z.B. zur Beseitigung von Gefährdungssituationen bei Veranstaltungen, Demonstrationen u.ä.),
- Entwicklung von Verhaltensregeln und Verhaltensweisen operativer Kräfte in Bedingungen der Öffentlichkeitsarbeit des MfS

Notwendig ist hierbei vor allem die Aufbereitung von Erkenntnissen der Militär- und Sozialpsychologie, von Forschungsergebnissen der Soziologie, z.T. auch der Sprachwissenschaften. Auf diesen Grundlagen sind durch interdisziplinäre wissenschaftliche Arbeit Bedingungen, Regeln, Verfahren und Mittel zur Vorbereitung operativer Kräfte zur erfolgreichen Bewältigung der diesen Gegenständen innewohnenden politisch-operativen Aufgaben zu fixieren.“ 6

Es ist erstaunlich, insbesondere angesichts der vergleichsweise geringen Gewichtung der operativen Psychologie im Lehrplan der JHS, mit wie vielen unterschiedlichen und komplexen Themen sie sich beschäftigen sollte. Deutlich wird auch die Verzahnung mit der akademischen Psychologie. Dazu kam noch der Anspruch, mit anderen wissenschaftlichen Gebieten interdisziplinär zusammenzuarbeiten, was die Arbeitsumrisse unschärfer werden ließ, dafür aber psychologisches Wissen über das gesamte Studium streute.

Nicht jeder dieser Punkte wurde in vollem Umfang in die Tat umgesetzt. Wo das jedoch geschah, da begegnet uns manches auf den folgenden Seiten. In jedem Fall aber begleiteten die Lehren der operativen Psychologie so manches Studium und könnten vielleicht am besten als eine Art Additum bezeichnet werden. Es ging vornehmlich darum, die eigentliche praktische Arbeit, die ja nun einmal auf Menschen ausgelegt war, theoretisch zu untermauern. Nicht zuletzt kam der Psychologie die Aufgabe zu, Methoden und Zielstellungen des MfS wissenschaftlich zu begründen und ihnen damit eine gewisse Legitimation zu verleihen.

Doch wie sah nun das eigentliche Studium aus? Die MfS -Mitarbeiter übten „Methoden der Persönlichkeitseinschätzung“, lernten wie man Gespräche führt (im wahrsten Sinne des Wortes, also ‚beeinflusst’), erlangten „Fertigkeiten in der Stimmen- und Sprachanalyse“ und zusätzlich stand autogenes Training ebenso auf dem Lehrplan wie die Analyse und Auswertung von Schriften und Dokumenten. Das war nichts anderes als der Versuch, wissenschaftliche Methoden für die politisch-operative Arbeit zu nutzen und zu optimieren. 7

Dennoch konnten insbesondere die Arbeiten wissenschaftlich nicht überzeugen. So wurden Dissertationen und Diplomarbeiten zum Teil in gemeinschaftlicher Arbeit geschrieben und umfassten in extremen Fällen gerade einmal zwischen zehn und 15 Seiten. Wohl nicht zuletzt deswegen wurde es den Absolventen der JHS im Einigungsvertrag später verboten, explizit juristische Berufe auszuführen. Was ihnen aber erhalten blieb, das war der Titel an sich – und der mitklingende gesellschaftliche Status eines Doktors der Rechtswissenschaften.

Denn obwohl man sich den Anschein professioneller und fundierter Arbeit gab, was insbesondere auch aus den Lehrheften der JHS hervorging, grenzte man sich zugleich von der ‚bürgerlichen Psychologie’ und ihren Erkenntnissen, ja sogar ihrem Wortschatz deutlich ab. Außerdem war man einer zu schnellen und weitgreifenden Akademisierung der Hochschule und damit auch der Arbeits- und Lehrinhalte gegenüber, nicht in jedem Falle aufgeschlossen:

„Allgemein wird darüber gesprochen, daß der Genosse Sch. sich soweit steigert, daß er durch normal gebildete Genossen nicht mehr zu verstehen ist. … Sein Auftreten ist oft nicht das eines klassenbewußten Tschekisten, sondern ähnelt mehr dem eines studierten Kleinbürgers.“ 8

Dass dieser Vorgang dennoch nicht zu bremsen war und in verstärktem Maße sogar offiziell ‚bürgerliche’ Ergebnisse genutzt wurden, wenn sie denn einen wertvollen Beitrag für die eigene operative Arbeit leisten konnten, stand außer Frage. Holger Richter zeigt das in seinem Buch über die Aufzählung von Schulungsmaterialien, Unterrichtsthemen, Lehrheften, Perspektivplanungen, Unterrichts- und Studienanleitungen, Aufgabenstellungen, Schwerpunktsetzungen und Forschungsproblemen. All diese Dinge lassen sich nachvollziehen und auch vom Titel her bewerten. Allerdings würde ihre Auflistung den Rahmen dieser Ausarbeitung deutlich sprengen und auch für den sehr geneigten Leser ermüdend sein. Es sei also zum Nachlesen auf das mehrfach zitierte Buch Holger Richters, Seite 70ff. verwiesen.

Ein interessantes Faktum soll hier allerdings noch Erwähnung finden. Die Weiterentwicklung und konsequente Effizienz- und Wertsteigerung der Ausbildung sollte einmal in einem Lehrbuch für Operative Psychologie ihren Höhepunkt finden. Da es aber (aus wissenschaftlicher Sicht leider) nie erschien, kann hier nur auszugsweise auf die geplanten Themenbereiche eingegangen werden. In einem ersten Kapitel sollten die Grundlagen der Psychologie bzw. ihre wichtigsten und fundamentalsten Anwendungen in der operativen Tätigkeit beschrieben werden. Teil zwei sollte schließlich psychische Prozesse in der politisch-operativen Tätigkeit behandeln, während Teil drei sich den Persönlichkeitseigenschaften gewidmet hätte. Abschließend war dann ein recht umfangreicher letzter Teil geplant, der spezielle Problemstellungen in der Arbeit des MfS behandeln sollte

Bereits im oberen Teil wurde die Dozententätigkeit sehr kurz angesprochen. Klaus Behnke konkretisiert die Ausführungen:

„Die Dozenten, die solche Kenntnisse vermittelten und mit den entsprechenden Offizieren in der Hochschule ständig in Krisensitzungen diskutierten, kamen ausnahmslos aus den Sektionen Psychologie der DDR-Universitäten, wo sie mit anderen Studenten zusammen das Diplom in Psychologie erwarben.“ 9

Ein Beispiel für diesen Werdegang ist Jochen Girke. Um das Thema JHS in dieser Ausarbeitung abzuschließen und einen ersten vagen Blick in die Gegenwart zu werfen, soll hier ein kleiner Exkurs zum Thema eingebracht werden. Es geht um den Genannten, seine Vergangenheit und sein heutiges Leben. Dazu wurde ein Artikel der Fachzeitschrift „Psychologie heute“ ausgewertet: 10

Seit 1976 war auch Jochen Girke Mitarbeiter dieses Lehrstuhls. 1994 stellte er sich einem Interview mit der Zeitschrift „Psychologie heute“ zur Verfügung und berichtete über seine damalige Arbeit und sein heutiges Leben. Getreu seinem neuem Motto: „Ich möchte mir nicht länger selbst ausweichen.“

Ob er „ mit dem sicheren Gefühl, daß die DDR unter dem Banner des Sozialismus in die richtige Richtung aufbricht“ aufgewachsen sei, wurde er gefragt und bestätigte: „Ja.“ Sein Vater sei Oberbezirksdirektor und Mitglied der Partei gewesen. „Also entschied ich mich auch für die Pionierorganisation, war dort Funktionär, ging später in die FDJ.“

Etwas mit Filmen wollte er machen, sich politisch engagieren, doch daraus wurde nichts. Man bot ihm „stattdessen ein dreijähriges Engagement in Berlin-Adlershof beim Wachregiment des Ministeriums für Staatssicherheit an.“ Aus Interesse und weil er „mit der Stasi bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt keine Probleme hatte“, arbeitete er drei Jahre für das MfS . Sang im Chor und wurde schließlich Parteisekretär. Es war die Grundlage einer steilen Karriere innerhalb der Staatssicherheit.

Nach den ersten drei ‚Probejahren’ wollte man ihn an sich binden. Er überlegte, was ihn am meisten interessieren würde. Dann hatte der junge Mann eine Idee: „Ich hatte mitbekommen, dass es in Golm eine Stasi-Hochschule gibt. Da bin ich mit der S-Bahn rausgefahren, habe am Tor geklingelt und gesagt: ‚Ich will mal wissen, was ihr hier so macht.’“ Später bekam er eine Rüge, denn, so das Argument, man klingle nicht einfach so bei einem Geheimdienst. Doch dafür wusste er nun, was er wollte. „Also sagte ich, ich wolle Sozialpsychologie studieren. [… Es] war klar, dass ich im Auftrag der Stasi in Jena studieren würde, mit der Perspektive, danach als Psychologe im Ministerium zu arbeiten.“

Anfangs lehrte man ihn militärische Normen und um welche Art der Psychologie es geht. Bereits nach einem halben Jahr bekam er einen aufregenden Auftrag. Er sollte an einem Gespräch mit dem stellvertretenden Minister für Staatssicherheit teilnehmen. Die DDR habe sich damals von der RAF bedroht gefühlt und seine Aufgabe wurde es, „Konzepte für Gesprächsführung, Verhandlungsführung und optimales Verhalten bei solchen Angriffen zu entwickeln.“

Später dann unterrichtete er, trainierte Menschen darauf, das Maximum an Informationen und Leistung aus anderen herauszuholen. Dabei wäre der Unterricht „für Laien gedacht“ gewesen, es sei um so grundsätzliche Fragen wie „Was ist Psychisches?“ oder „Was sind Psychische Prozesse?“ gegangen. Außerdem brachte er seinen Schülern bei, wie man ein Vertrauensverhältnis zu den IM’s aufbaut – gefragt, ob ihm das nicht selbst schizophren vorgekommen sei, antwortete er: „Als ich in dem Geschäft drin war, gab es bei mir keine besonders kritischen Überlegungen.“

„Heute sage ich jedoch, das ist Mißbrauch der Psychologie“, fügte er später hinzu. Deshalb habe er sich geöffnet, stelle sich. Es habe ihn aber fast erschlagen, dass er jetzt für viele die Zielscheibe sei und alle Wut auf ihn pralle.

Doch immerhin hat er heute wieder Arbeit. Ist Mitarbeiter eines Mitgliedes des Bundestages und leitet Fortbildungskurse in der freien Wirtschaft. Danach, ob er nicht auch das schizophren finde, wurde er allerdings nicht gefragt.


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