4.3 Das Menschenbild

Ausgehend vom ideologischen Verständnis bildet die Menschenbildhypothese die Grundlage jeder staatlichen Weltanschauung bis hin zur wissenschaftlichen Forschungsarbeit. Ob sie schriftlich fixiert ist oder nicht spielt dabei keine Rolle. Sie markiert Selbstverständnis und Zielstellung politischer Herrschaftssysteme. An ihr ausgerichtet kann man positive (im philosophischen Sinn) Werte und Normen festlegen.

Das MfS benötigte für die eigene (operative) Arbeit ebenfalls ein solches Menschenbild. Es wurde niemals niedergeschrieben und doch glaubt man es hinter jeder Äußerung und in jedem Satz wieder zu erkennen.

Es „erscheint der ideale DDR-Bürger als ein wehrloses (da isoliert und verängstigt), gehorsames (da diszipliniert) und erpreßbares (diskreditierbares) Wesen ohne Individualität (da ohne Selbstvertrauen und aus eigener Kraft erfolglos), das in den Rastern ‚gesellschaftsmäßiger’ Normen erstarrt und beliebig verfügbar war (für Arbeitsplatzzuweisungen, wenn eingliederungsfähig, oder für die Ausweisung, wenn nicht – oder wenn es im Rahmen zersetzender Maßnahmen für zweckmäßig gehalten wurde).“ 1

Ein „paranoides Menschenbild“ 2 nennt es Holger Richter, bei dem „jede Veränderungsabsicht [...] einem ‚feindlich-negativen’ Vorhaben“ 3 entspringe. Dementsprechend gab es auch den ‚vorbildlichen’ Menschen für das MfS: „der durch Isolierung, Überwachung und Verängstigung wehrlose, durch Disziplinierung gehorsame, durch viele Verbote und daraus folgenden Übertretungsmöglichkeiten erpressbare, beliebig verfügbare, konforme Mensch.“ 4

Das Fatale an diesem Bild vom Menschen war seine immanente Ambivalenz. Auf der einen Seite sollten  Wahlen die Illusion wecken, dass alle Menschen zufrieden mit dem Fortschritt des Sozialismus im eigenen Lande waren und dementsprechend auch mit der Regierung. Doch jenseits des offiziellen Bildes der SED herrschte eine ganz andere Realität. Hier musste man jeden kontrollieren und zur Not manipulieren, denn man wusste durchaus, dass ansonsten die herrschende Partei ihre Macht verloren hätte.

Passenderweise sah die MfS-Psychologie den Menschen als ein durch äußere Einflussfaktoren gesteuertes und willenloses Wesen. Erziehung, Parteiarbeit und die „Gestaltung und Kontrolle der Tätigkeit des Menschen“ 5 könnten, so glaubte man, das gewünschte menschliche ‚Produkt’ erzeugen. Tat das jedoch der Klassenfeind (was ja nach dieser Theorie durchaus möglich war und so auch das Abdriften von Menschen in das feindlich-negative Lager erklärte), so konnte nicht mehr von Erziehung, sondern musste von Diversion (im Sinne subversiver Ziele des Feindes) gesprochen werden. Auch das war wieder eine der vielen Irrationalitäten innerhalb des MfS-Selbstverständnisses.

Ein weiterer Widerspruch ergibt sich aus der Verwendung des behavioristischen Modells an sich. Es beschreibt den Menschen als ein außengesteuertes Wesen, das wie eine Black-Box funktioniert. Ihre These ist, dass ein Mensch mit beliebigen Reizen zu voraussehbaren Reaktionen gebracht werden könne und man ihm diese auch anzutrainieren und beizubringen in der Lage ist. Heutige Psychologen sind sich einig, dass dieses Paradigma allein das menschliche Erleben und Verhalten nicht erklären kann. Die Operative Psychologie hingegen ging oftmals davon aus. Dem entsprechend hätten ‚feindlich-negative’ Einstellungen mit der Zeit aus der DDR-Gesellschaft gelöscht oder zumindest abgeschwächt sein müssen. Dass dies nicht geschah, war ein deutliches Zeichen für die falschen Ausgangsbedingungen des staatseigenen Menschenbildes.

Ein grundlegendes Modell der DDR- und MfS-Psychologie ist also die an den sowjetischen Forscher Pawlow angelehnte Lerntheorie, zumal viele Lehrbücher der DDR auf ihn als Referenz verweisen und aufgrund seiner Theorien ihre eigenen Erklärungen aufbauen. Dazu folgender Kommentar aus einem Buch über Militärpsychologie: Pawlow „enthüllte die Grundgesetzmäßigkeiten der Hirntätigkeit höherer Tiere und unterstrich den prinzipiellen Unterschied der menschlichen Hirntätigkeit gegenüber der tierischen.“ 6 Das ist an sich noch nichts besonderes, aber eine Seite weiter kommt man zu dem Schluss, dass „der Hauptunterschied des Gehirns des Menschen von dem der Tiere […] darin [liege], daß das menschliche Gehirn die Fähigkeit des Denkens in Worten aufweist“ 7. Der psychologische Standpunkt, der sich hier offenbart, war also der, dass wir nur durch unser Wortdenken ein anderes als das animalische Verhalten zeigen. Das implizierte den Umkehrschluss, dass unsere wichtigsten seelischen Vorgänge und Prozesse den tierischen gleichen.

Daher auch der obskure Ansatz der MfS-Lerntheorie, Menschen könne man durch simple Reiz-Reaktions-Konditionierungen zu einem bestimmten Verhalten regelrecht zwingen. Der Mensch also als das Opfer für Manipulation schlechthin. Bis zu einem gewissen Punkt ist diese Lerntheorie in der Tat anwendbar. Bewiesen ist unter anderem, dass man kleinen Kindern Ängste vor Tieren ‚beibringen’ kann. 8
Doch dieses simple Schema funktioniert gerade bei erwachsenen Menschen nicht mehr uneingeschränkt. Es soll damit aber nicht gesagt werden, dass die Theorie völlig falsch ist; sie hat innerhalb der Psychologie durchaus ihre Berechtigung. Das MfS ignorierte aber alle anderen Einflüsse auf das Seelenleben. So hieß es beispielsweise, es gebe „ererbte Verhaltensweisen, die aber für seine [gemeint ist der Mensch, Anm. d. V.] Tätigkeit keine zentrale Bedeutung haben.“ 9 Heutige Psychologen könnten darüber wahrscheinlich nur den Kopf schütteln. Der Autor Klaus Behnke meint dazu:

„Die Identität – das Andere – war oft (aber nicht immer) von einem regimekonformen, manipulierten Anderem abhängig, da der Staatsapparat ständig bestrebt war, je nach dem eingegebenen Input den Output mit größtmöglicher Sicherheit zu kalkulieren und zu steuern. Wo diese Manipulation möglich war, was häufig der Fall war, haben die Wächter der Partei wie im klassischen Ratten-Experiment gearbeitet und gedacht.“ 10

Übertragen wir diese Sichtweisen auf das Menschenbild, so ergibt sich ein von aller Verantwortung befreites Individuum. Es ist ja schließlich außengesteuert. Und auch hier sind wir wieder auf einen Widerspruch gestoßen, der auch dem MfS Kopfzerbrechen bereitet haben dürfte: kann man einen solchen, zu eigener Persönlichkeitsausformung unfähigen Menschen überhaupt zur Verantwortung ziehen? Ist er nicht von Beginn jeder Anklage an – freizusprechen?

Um eine solche Situation zu vermeiden, musste das MfS die eigenen Theorien gleich wieder einschränken, indem es die Entwicklung zum ‚guten’ Menschen unter ‚guten’ Bedingungen nicht als automatischen Prozess eingrenzte.

„Die sozialistische Gesellschaftsordnung […] schafft ihm [dem Menschen, Anm. d. V.] die Möglichkeit dafür. […] Der einzelne Mensch muß sich diese Bedingungen bewußt aneignen. Das zu tun, es konkret und richtig zu tun, liegt in seiner Verantwortung.“ 11

Auf einmal weiß man als Leser kaum mehr, was man glauben soll. Auf der einen Seite sollte der Mensch ein völlig kontrollierbares Wesen sein, das von jedem äußeren Einfluss gelenkt werden konnte und auf der anderen Seite wurde gesagt, er solle in eigener Verantwortung zum ‚guten’, das heißt konformen und angepassten Menschen werden. Holger Richter fasst diese Janusköpfigkeit zusammen:

„Das Menschenbild entspricht dem eines durch genügend Kontrolle steuerbaren Wesens, dessen Verhalten im Prinzip vollständig aus bekannten Fakten vorhersagbar ist und zugleich als ein Wesen, dessen Unwägbarkeiten durch staatliche Instanzen ständig zu kontrollieren sind, um Chaos zu vermeiden.“ 12

Ein solcher Standpunkt rechtfertigte die permanente Kontrolle. Er bildete für vierzig Jahre die Legitimation der totalen Überwachung und der Terrorisierung von Menschen. Er mochte geeignet sein, den oberflächlichen Unmut der Bevölkerung zu unterdrücken (der sich erst 1989 in positive Kanäle entladen hat). Aber nur auf Kosten der völligen Zersetzung der inneren Ruhe all ihrer Opfer. Um den Preis des humanen Kollaps’.


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