4.2 Die theoretischen Grundlagen

4.2.1 Definition und Wesensbestimmung der Psyche

Jede Wissenschaft sieht eine ihrer Grundlagen darin, sich selbst und ihre Gegenstände und Aufgaben zu definieren. Diese Definition wiederum markiert den Bereich, in dem sich Forschung und Lehre bewegen, wobei in einem Rückkopplungsprozess auch die Ergebnisse der forschenden Tätigkeit wieder zum Tragen kommen. Folgende Definitionen des Psychischen stehen exemplarisch für die Auffassung in der DDR:

„Bekanntlich wird in der dialektisch- und historisch-materialistischen Psychologie das Wesen des Psychischen als durch die reflektorische Tätigkeit des Gehirns geleistete Widerspiegelung der objektiven Realität begriffen, deren Funktion darin besteht, die Wechselwirkung des Individuums mit der Umwelt, seine Tätigkeit, zu orientieren und zu regulieren.“ 1

„Jede psychische Erscheinung ist folglich ein Produkt des individuellen organischen Lebens des Menschen und das Produkt der Widerspiegelung der äußeren objektiv existierenden Umwelt.“

„Folglich kann man das Psychische auch als eine Eigenschaft der Materie, als eine Eigenschaft des Gehirns bezeichnen.“ 2

Heute definiert man anders; Psychologie ist die Lehre vom Erleben und Verhalten des Menschen und dementsprechend ist das Psychische dieses Erleben (Denken und Fühlen) sowie Verhalten selbst. Außerdem würde man die explizite Anlehnung an die Tätigkeitspsychologie der wissenschaftlichen DDR-Psychologie heute so nicht hinnehmen können. Diese Anlehnung wird im folgenden Zitat deutlich:

„Handlung als psychologischer Begriff bezeichnet eine bewußte, auf die Realisierung eines Ziels gerichtete, relativ geschlossene, zeitlich und logisch strukturierte Einheit des Verhaltens, die vor allem als Bestandteil menschlicher Tätigkeit auftritt.“ 3

Allerdings existierte keine eigene Theorie der Staatssicherheit, sondern sie übernahm einfach die Erkenntnisse der akademischen Psychologie und versuchte, sie auf konkrete Erscheinungen anzuwenden. Das führte zu Überschneidungen bei den Begrifflichkeiten; so werden beispielsweise Verhalten, Tätigkeit und Handlung in der Regel gleichgesetzt.

Trotz dieser Sprachverwirrung lässt sich herauskristallisieren, wie die Anlehnung an die gängige Verhaltenstheorie der wissenschaftlichen Psychologie sich gestaltete. Es lief darauf hinaus, dass menschliches Verhalten von Lernprozessen abhängt. Im nachfolgenden Punkt ‚Menschenbild’ werden noch konkretere Aussagen dazu getroffen. An dieser Stelle ist es nur wichtig, die Bedeutung des Schemas für die Arbeit der Staatssicherheit zu begreifen. Folgt man ihm, so verhält sich ein Mensch nach ganz bestimmten Mustern, die sich im Laufe seines Lebens herausgebildet haben. Je nachdem, wie dieses Muster beschaffen ist, wird der Betreffende auf eine spezifische Art und Weise auf Reize reagieren (Reiz-Reaktions-Modell des Behaviorismus). Richter verweist dann auch auf einen Abschnitt, der ganz konkrete Anweisungen zum Modifizieren bzw. Kreieren solcher Schemata im Verhalten des Menschen gibt und dementsprechend im Wörterbuch des MfS verzeichnet steht, zum Gebrauch der Mitarbeiter:

„Operative Erfahrungen und wissenschaftliche Erkenntnisse legen nahe, folgende Grundregeln der Überzeugungs- und Einstellungsbildung anzuwenden:
- Vorbildwirkung (bewußter Lernvorgang, bei dem vorbildliche Verhaltensweisen anderer Menschen übernommen werden),
- Belehrung (Form der Einflußnahme, bei der mitgeteilt wird, welche Einstellung gefordert bzw. abgelehnt wird),
- Unterweisung (Stellen einer Aufgabe, bei deren Realisierung mit gewisser Zwangsläufigkeit bestimmte Einstellungen entstehen, ohne daß darüber gesprochen wurde),
- Motivierung (Vorgehensweise, bei der sich durch das wiederholte Auftreten von aktuellen Motiven, bedingt durch das fortgesetzte Setzen innerer Widersprüche, Motive verfestigen und in relativ stabile Einstellungen übergehen),
- Sanktionierung (bewußte Bewertung des Verhaltens, um damit Motive, Einstellungen und Überzeugungen zu bekräftigen bzw abzuschwächen)
- Nachahmung (unbewußte Übernahme von Verhaltensweisen)“
4

Das MfS nannte solche Vorgänge, die psychische Erkenntnisse für diese Art der Durchsetzung eigener Ziele nutzte, schlicht „Beeinflussung“ und, genauer, „je nach dem dahinterstehenden Klasseninteresse, als Überzeugung (unter sozialistischen Gesellschaftsverhältnissen) oder als Manipulierung (unter den Bedingungen des imperialistischen Herrschaftssystems).“ 5 Ergo: das MfS hatte immer Recht, denn selbst wenn es die gleichen Methoden anwendete wie westliche Geheimdienste, so geschah das unter den richtigen Verhältnissen und damit rechtmäßig.

Neben den (mehr oder weniger willkürlich mit schwerpunktmäßigem Bezug zur Verhaltenspsychologie, wie gezeigt wurde) übernommenen Definitionen der Psyche steht außerdem, inhaltlich für die ‚operative’ Arbeit sehr bedeutsam, das Verständnis des MfS, wie diese nutzbringend anzubringen sind (also eine Bestimmung der Psychologie):

„Aus dem Wesen des Psychischen, aus der durch die Tätigkeit vermittelten Wechselwirkung mit der Umwelt läßt sich schlußfolgern, dass die psychischen Erscheinungen der Menschen prinzipiell erkennbar und prinzipiell veränderbar sind.“ 6

Diese Wesensbestimmung mit der entsprechenden Auslegung macht sehr deutlich, durch welche wissenschaftlichen Fundamente die Staatssicherheit ihre Tätigkeiten begründet und gerechtfertigt sah. Wenn nämlich der Mensch von Widerspiegelungen abhängig ist, dann zwingt das beinahe zu der Schlussfolgerung, dass man ihm dann auch eine andere so genannte ‚objektive Realität’ vorspiegeln kann. Dazu benötigte das MfS aber noch weitere Begriffe.

4.2.2 Unterteilung der Operative Psychologie

Holger Richter unterteilt zunächst, der gängigen Vorgehensweise in der DDR folgend, psychische Erscheinungen in Prozesse (Motivations-, Gefühls-, Wahrnehmungs-, Gedächtnis- und Denkprozesse) sowie in Eigenschaften (Bedürfnisse und Interessen, Einstellungen und Überzeugungen, Fähigkeiten, Fertigkeiten, Gewohnheiten, Kenntnisse und Temperamentseigenschaften). 7

Im ersten Teil unterschieden die operativen Psychologen des MfS zwischen Prozessen der Erkenntnis, des Gefühls und schließlich des Willens, also zwischen allgemein menschlichen Atrributen. Die folgende Tabelle macht deutlich, was unter dieser Begriffstrinität verstanden wurde: 8

Prozessart Beschreibung
Erkenntnisprozesse „Zu ihnen gehören die Prozesse der Empfindungen [?], Wahrnehmungen, Vorstellung, des Gedächtnisses, der Einbildungskraft, des Denkens, der Aufmerksamkeit.“
Gefühlsprozesse „Es handelt sich hierbei um solche Prozesse, die das Verhältnis des Menschen zu dem, was er denkt und tut, zum Inhalt haben.“ Weiterhin heißt es: „Es gibt zwar Menschen, und zu denen sollten alle Mitarbeiter des MfS und auch die inoffiziellen Mitarbeiter gehören, die ihre Gefühle beherrschen und unterdrücken können. Beherrschung eines Gefühls bedeutet aber keineswegs sein Nichtvorhandensein. …
In einem anderen Fall wieder kommt es darauf an, bestimmte Gefühle zu wecken und sie in solche Bahnen zu leiten, daß sie einen positiven Einfluss auf die Persönlichkeit und ihre Arbeit im Interesse und zum Nutzen des MfS nehmen.“
Willensprozesse Sie lassen sich gliedern in „die Prozesse der Auswahl, des Entschlusses und der Ausführung.“ Zu ihnen zählen „die für die Arbeit des MfS notwendigen Willensqualitäten wie Mut, Ausdauer, Konsequenz, Reaktionsvermögen u.a.“.

Da Gefühle die unberechenbarste Komponente dieser Aufzählung sind, hat sich das MfS auch mit ihnen beschäftigt. Generell wurden sie als sehr suspekter Ausdruck menschlicher Existenz gesehen, weil sie im Prinzip nicht vorhersehbar waren. Man versuchte aber, das Beste daraus zu machen:

„Die Untersuchungsarbeit ist mit vielschichtigen Emotionen des Untersuchungsführers verbunden. Positive Emotionen wie
- Klassenhaß,
- Abscheu und Verachtung gegenüber dem Wirken des Feindes,
- Furchtlosigkeit im Auftreten für die Sache der Arbeiterklasse,
- Stolz auf die Erfolge des MfS im Kampf gegen den Feind usw. stimulieren den Untersuchungsführer in der Untersuchungsarbeit. …
Solche Emotionen machen den Untersuchungsführer zugleich bis zu einem bestimmten Grad immun gegenüber den vielfältigen negativen Einwirkungen, denen er im Prozeß der Untersuchungsarbeit ausgesetzt ist.“ 9

Der ‚Hass’ ist dabei wohl die bekannteste aller Definitionen im Wörterbuch des MfS:

„intensives und tiefes Gefühl, das wesentlich das Handeln von Menschen mitbestimmen kann. Er widerspiegelt immer gegensätzliche zwischenmenschliche Beziehungen und ist im gesellschaftlichen Leben der emotionale Ausdruck der unversöhnlichen Klassen- und Interessengegensätze zwischen der Arbeiterklasse und der Bourgeoisie (Klassenhaß). Der moralische Inhalt des H.[asses] ist abhängig vom Gegenstand, auf den er gerichtet ist, und kann von daher wertvoll und erhaben oder kleinlich und niedrig sein. H.[ass] zielt immer auf die aktive Auseinandersetzung mit dem gehassten Gegner, begnügt sich nicht mit Abscheu und Meidung, sondern ist oft mit dem Bedürfnis verbunden, ihn zu vernichten oder zu schädigen. H.[ass] ist ein wesentlicher, bestimmender Bestandteil der tschekistischen Gefühle, eine der entscheidenden Grundlagen für den leidenschaftlichen und unversöhnlichen Kampf gegen den Feind. Seine Stärkung und Vertiefung in der Praxis des Klassenkampfes und an einem konkreten und realen Feindbild ist Aufgabe und Ziel der klassenmäßigen Erziehung. H.[ass] ist zugleich ein dauerhaftes und stark wirkendes Motiv für das Handeln. Er muß daher auch in der konspirativen Arbeit als Antrieb für schwierige operative Aufgaben bewusst eingesetzt und verstärkt werden.“ 10

Auch Gefühle bei der IM-Arbeit wurden beschrieben, wenn auch auf eine sehr allgemeine und beinahe nichts sagende Art und Weise:

„Daraus ergeben sich weitere operative Konsequenzen:

1. Wenn den IM operative Aufträge erteilt werden, d.h. wenn wir etwas von ihnen wollen, dann müssen wir ihre Stimmungen beachten und sie selbst auf unser operatives Anliegen ‚einstimmen’.
2. Wenn die IM die operativen Aufträge annehmen und möglichst ohne Fehler realisieren sollen, dann müssen wir Affekte bei den IM vermeiden, weil diese eben vernünftiges Handeln einengen oder zeitweilig desorganisieren und dadurch operative Gefahrenheraufbeschwören können.
3. Wenn die Liebe zur operativen Arbeit, der Haß gegen den Feind u.a. operativ brauchbare Gefühle sind, dann sind bei den operativen Kräften stabile, überdauernde gefühlsmäßige Beziehungen zu entwickeln, damit sie sich als Charakterzug verfestigen.“
11

Zum zweiten Teil gehört an erster Stelle die Persönlichkeitspsychologie, eine der wissenschaftlicher anmutenden Disziplinen der operativen Psychologie. Die in den nachfolgenden Abschnitten beschriebenen Ansichten wurden recht konsequent angewendet, die Literatur ist laut Holger Richter weniger ideologiebehaftet als in anderen Sparten der Psychologie. Es lassen sich recht detaillierte Beschreibungen finden.

Auch das Wörterbuch der Staatssicherheit trifft einige Aussagen über persönlichkeitspsychologische Sachverhalte. Da dieses Werk den Mitarbeitern des MfS als Nachschlagewerk diente, kann es als Leitfaden ihrer so genannten operativen Arbeit angesehen werden. Dementsprechend findet man aber auch unter dem Stichwort ‚Persönlichkeit’ nur zwei Einträge, die der Staatssicherheit bedeutungsvoll schienen. Neben der „tschekistischen Persönlichkeit“ sind das solche mit „operativ bedeutsamen Persönlichkeitseigenschaften“, 12 das meint Menschen mit ‚feindlichen-negativen’ Einstellungen und Zielen.

Einzig was Testverfahren angeht, kann weder die Persönlichkeits- noch die allgemeine Psychologie wirklich Sehenswertes aufweisen. Es gibt sporadisch Quellen, die eine Beschäftigung dokumentieren, aber eine wirklich tiefer gehende Bedeutung gewannen Testmethoden nicht. Was das MfS als Übung zur Einschätzung von Personen bezeichnete, mutet eher lächerlich an:

„Ich habe den Eindruck, daß er versucht, seine Meinung irgendwie durchzusetzen. Ob man das nun als Geltungsbedürfnis ansehen sollte, weiß ich im Moment nicht zu sagen. … Seine Ansprechbarkeit auf NSW-Artikel ist sicherlich stark ausgeprägt. Ich bin der Meinung, daß H. mit solchen Zuwendungen rechnet aufgrund seines geringen Einkommens und daß er sehr gern ein Paket annimmt. … Gegenüber Frauen ist er, vielleicht will er das, ich kann es nicht genau sagen, es sind nur Vermutungen, zuvorkommend. Nach welchen Motiven er bei der Auswahl vorgeht, kann ich nicht sagen. Sicherlich hat er ein ganz besonderes Fluidum, was er verbreiten kann, was man zeitweilig als eine Ausstrahlungskraft seiner Person ansehen könnte, welche Frauen fesselt, so daß er nach meinem Empfinden vielleicht keine allzugroßen Schwierigkeiten hat, mit Frauen zu verkehren.“ 13

Nun aber zu den eigentlichen Begriffsbestimmungen. Hier spielte insbesondere der Charakter eine sehr große Rolle für das MfS. Attribute wie Charakterstärke waren hoch angesehen und wurden als Voraussetzung für die Arbeit des Tschekisten betrachtet. Zunächst wurde eine Analyse des Temperaments durchgeführt, wobei man sich an die Lehren Hippokrates’ anlehnte:

„Aufgrund der beschriebenen Eigenschaften erscheint der Sanguiniker besonders geeignet für Aufgaben, die Schlagfertigkeit, Gewandtheit und Umstellungsvermögen erfordern. Dagegen sollte er weniger dort eingesetzt werden, wo hauptsächlich Tiefe des Denkens, Ernst und Ausdauer verlang werden. …
Vom Phlegmatiker ist infolge seines Temperaments wenig Eigeninitiative zu erwarten. Dennoch erfüllt er die ihm zur Gewohnheit gewordenen Aufgaben und Pflichten zuverlässig, so daß er für Arbeiten, die durch ihre Gleichförmigkeit viel Geduld und Ausdauer erfordern, als besonders geeignet erscheint. … Auch wenn beim Melancholiker scheinbar nur negative oder nachteilige Merkmale des Temperaments dominieren, ist es nicht gerechtfertigt, ihn als einen unbrauchbaren Menschen zu bezeichnen. Vielmehr muß die Kenntnis seiner Temperamentszüge dazu führen, ihm solche Aufgaben zu übertragen, die seinen Fähigkeiten entsprechen und für ihn lösbar sind, damit Mißerfolgserlebnisse ausbleiben.“ 14

Allgemein lässt sich zum Charakter festhalten:

„Zur Grundlage des Charakters werden ‚Temperamentseigenschaften’ sensu Pawlow definiert: als ‚psychische Eigenschaft der Persönlichkeit die sich in der Stärke, der Ausgeglichenheit und der Beweglichkeit der psychischen Prozesse äußert’.
Das Temperament sei nur ‚Formeigenschaft’ und sei durch ‚Eindrucksfähigkeit [Wie tief ist ein Mensch durch Reizeberührbar?]’ und ‚Impulsivität [Wie stark reagiert der Mensch auf Reize von außen?]’ eines Menschen gekennzeichnet.

Einerseits ließen sich Temperamentseigenschaften durch ‚Erziehung nicht ändern’. Aber ‚Einsicht, starker Wille, feste Überzeugungen’ könnten zur ‚Veränderung der Eindrucksfähigkeit und Impulsivität’ wirken.
15 Die Persönlichkeit wird an einer Stelle definiert als
‚… durch die gesellschaftlich determinierte, sich durch aktive Auseinandersetzung mit den konkret-historischen Lebensbedingungen entwickelnde, individuell strukturierte Einheit der psychischen Erscheinungen des Menschen, die das Ergebnis jeden neuen Einflusses mitbestimmen.’“
16

Neben dem Temperament zählte die Operative Psychologie auch Einstellungen zu den Bausteinen des Charakters, als „im Leben erworbene habituelle Dispositionen des Sozialverhaltens.“ 17Von den Einstellungen könne man schließlich auf den Charakter schließen, meinte man. Somit wurde der Charakter als von außen steuerbar betrachtet. Andererseits beschäftigte man sich auch mit inneren Aspekten der Charakterprägung. Hier waren die operativen Psychologen also sehr indifferent.

Folgende Aussagen fassen die Ansichten des MfS hinsichtlich des Charakters zusammen:

- innere Bedingungen des Charakters seien „anatomisch-physiologische (Temperament), habituelle und aktuelle psychische Bedingungen“, 18
- der Charakter könne bestimmte Aspekte des Temperaments ausgleichen
- die Weltanschauung mache den Charakter auch aus („darum können weder der Charakter noch Einstellungen insgesamt ohne die Verbindung zur Weltanschauung erforscht und erzogen werden“, 19 was aus wissenschaftlicher Sicht nicht haltbar ist)
- ein ‚normaler’ Charakter werde durch differente Ausprägungen und mannigfaltige Erscheinungen gekennzeichnet, weswegen einfach gestrickte Charaktere als „schwach“ bezeichnet werden,
- des Weiteren sei der Charakter stabil.

Beispiele für charakterliche Äußerungen seien „Lebenseinstellung und Einstellung zu Welt und Gesellschaft“, „‚Patriotismus, Humanismus, Aktivität, Opferbereitschaft, aber auch Antikommunismus, Skeptizismus, Nihilismus’“, sowie „die ‚soziale Haltung’ zum Kollektiv und andern Menschen“. Einfluss gedachte man zu nehmen durch „‚Geduld, Überzeugung und beständige Forderung’ […] aber auch ‚mündliche oder schriftliche Einwirkung’ und das ‚Beispiel des eigenen Verhaltens’“. 20 Außerdem deklarierte das MfS:

„Die öffentliche Meinung wird in unserem Staat von den gesellschaftlichen Führungskräften, von unserer Partei, von der Staatsführung beeinflusst, gelenkt und auch gebildet. Aus der Kenntnis und aus der richtigen Nutzung dieser Tatsache ergeben sich viele Möglichkeiten der erzieherischen Einflußnahme in den Kollektiven, aber vor allem in der inoffiziellen Arbeit.“ 21

Zuletzt erschienen dem MfS noch Einstellungen und die aus ihnen resultierenden Handlungen bedeutsam, denn auch sie fanden Einzug in das Wörterbuch und damit in den offiziellen Sprachgebrauch. So differenzierte man feindliche, negative und positive Einstellungen. Die Wertung der jeweiligen Einstellung ergibt sich aus dem Wortlaut; interessant ist allerdings besonders eine Aussage, die man bei negativen Einstellungen findet. Demzufolge handelt es sich dabei um eine

„Persönlichkeitseigenschaft, die eine relativ verfestigte, ablehnende destruktive, pessimistische, auch reaktionäre persönliche Beziehung zum gesellschaftlichen Fortschritt im allgemeinen bzw. zu Erscheinungen, Entwicklungstendenzen und Gesetzmäßigkeiten der entwickelten sozialistischen Gesellschaft im besonderen ausdrückt.“ 22

Sie zeigt, dass Kritik am Sozialismus nicht etwa nur eine einfache Meinung war, sondern aus Sicht der Staatssicherheit eine Persönlichkeitseigenschaft. Der Mensch war also bei fehlendem bzw. unrichtigem Klassenverständnis an sich schon negativ. Damit verunglimpfte man Menschen mit ‚oppositionellen’ Ansichten. Was aus dieser Definition ebenfalls hervorgeht, ist der wertende wissenschaftliche Standpunkt. „Wissenschaft bleibt im MfS nicht wertneutral, sie ist explizit parteilich“, 23 kommentiert Holger Richter diesen Umstand.

Heute werden Einstellungen in der Psychologie anders betrachtet. Sie gelten als wissenschaftliches Konstrukt, als Hilfsmittel, um das Verhalten und die Reaktionen von Menschen auf Stimuli zu erklären und können also nur durch diese überhaupt ‚erkannt’ werden. Sie geben dementsprechend keineswegs die Handlung als solche regelrecht vor, münden nicht, wie das MfS das zu Grunde legte, in einer bestimmten Reaktion, die sich aus der Persönlichkeit ableiten ließe. Vielmehr geben Einstellung eine Tendenz, eine Richtung vor. Das gab es im Schwarz-Weiß-Denken der Operativen Psychologie nicht. Ein Beispiel macht das deutlich: Robert Havemann, ein deutscher Chemiker, war viele Jahre überzeugtes Mitglied der SED. Nachdem eine seiner Veröffentlichungen aber als den Parteivorstellungen nicht entsprechend eingestuft wurde, trat er aus und engagierte sich in der Opposition. Die Tendenz hin zur Partei hatte also nicht ausgereicht, sein Verhalten im Sinne des MfS positiv zu beeinflussen.

Neben der Persönlichkeitspsychologie spielte die operative Sozialpsychologie an zweiter Stelle eine entscheidende Rolle. Das zeigt folgender Textausschnitt:

„Operative Meisterschaft ist besonders dann gefordert, wenn es zum Beispiel solche Aufgaben zu lösen gilt, wie
- die Ausnutzung, die Herstellung oder den Abbruch zwischenmenschlicher Beziehungen bei der Bearbeitung von Feinden durch IM
- die Einschätzung und Gestaltung von Vertrauensverhältnissen zwischen IM und operativen Mitarbeitern
- das Erkennen und Lösen von Konflikten, die einer vertrauensvollen Zusammenarbeit mit IM hinderlich sind
- die Analyse von Mitarbeiterkollektiven und die Schaffung optimaler Bedingungen für ihr erfolgreiches Handeln oder
- die Aufdeckung und Nutzung gruppenspezifischer Ziele und Normen bei der Liquidierung und Zersetzung feindlicher Gruppen.“
24

Das lief auf die Beschäftigung mit Beziehungen zwischen IM und zu bearbeitender Person sowie operativem Mitarbeiter und IM hinaus. Das in jedem Fall Einseitigkeit gefordert war, dürfte deutlich sein. Näheres dazu wird im Kapitel zum Vertrauen in dieser Ausarbeitung zu erfahren sein. Wichtig war dem MfS besonders, wie man Vertrauen von Feinden erlangen konnte. Das Vorgehen sollte genau beschrieben und theoretisch fundiert werden. Als Beispiel gab man folgenden Sachverhalt an:

„In der Kontaktphase, mit dem Ziel der Herstellung vertraulicher Beziehungen, nutzte ein IM beispielsweise die Abneigung der operativ interessierenden Person, die als Arzt in einem Kreiskrankenhaus tätig war, gegen andere Berufskollegen aus. Aufbauend auf Mißgunst und Berufsneid gelang es ihm, mit geeigneten Informationen, die Gunst der operativ interessierenden Person zu erlangen.“ 25

Dafür seien „‚Unterstützung der Meinung der operativ interessierenden Personen gegenüber dritten’, die ‚Abgabe individueller Hochachtungs- und Dankbarkeitsbezeugungen’, [die] Demonstration ‚eigener Informiertheit, eigener Meinung und anderer charakterlicher Stärken’ und die Bevorzugung der Familienangehörigen der interessierenden Person und Bevorzugung der interessierenden Person in des IM eigener Lebensumgebung“ bedeutsam.

Des Weiteren zählte die Staatssicherheit Konflikte in erster Linie zu den sozialpsychologischen Aspekten, da innere Konflikte freilich auftreten, aber zumindest nur im Kontakt zu anderen Personen sichtbar werden. Also sollte die Grundlage geschaffen werden, Konflikte bei den eigenen Leuten zu erkennen und aufzulösen und mit Hilfe dieses Wissens auch gleich Möglichkeiten in die Hand zu bekommen, sie beispielsweise in feindlich-negativen Gruppen bewusst zu schüren. Zusammenfassend heißt es:

„Beim bewußten Schaffen von Konflikten zum Erreichen operativer Zielstellungen bzw. auch im Erziehungsprozess werden die Konfliktdeterminanten zielgerichtet hervorgerufen.“ 26

Dies galt insbesondere für Gruppen. Die Beschäftigung mit ihnen fand sehr detailliert statt. Zum Wesen einer Gruppe gehörten demnach:

- „gemeinsame Ziel- und Aufgabenstellung,
- räumlich-zeitliche Voraussetzungen,
- Kooperation und Kommunikation und
- Gruppenstruktur.“
27

Handelte es sich gemäß dieser Charakteristik um eine Gruppe, so konnte sie sich entweder gegen die Gesellschaft stellen oder in deren Dienst. Diese beiden Pole gab es für das MfS und entscheidend war dann nur noch, wie stark eine Vereinigung von Menschen in die eine oder die andere Richtung tendierte. Eine solche Tendenz sollte durch „‚attraktive Freizeitbeschäftigungen, die von feindlichen Zielstellungen immer weiter wegführen können’ oder ‚stets neue Ziele mit dem Erfolg, daß man u.U. aus dem Diskutieren nicht heraus kommt und praktische Unternehmungen zumindest zeitweilig unterläßt’“ 28 beeinflusst werden.

Zu unterscheiden gab es zudem drei ‚Strukturaspekte’: Funktions-, Rang- und Bewertungsstruktur. Die erste schloß Sonderrollen (wie Berater) ein, die zweite meinte Ränge wie Gruppenführer bzw. Mitläufer und bei dem Letzten waren emotionale Belange entscheidend. 29 Dazu heißt es:

„Der operative Mitarbeiter steht bei der Analyse der Gruppe vor der Aufgabe, die aus diesen Faktoren resultierenden Antipathiebeziehungen der Gruppenmitglieder aufzuklären und für die Bearbeitung heranzuziehen. Sie lassen sich nutzen für das Schüren von Konflikten vor allem im Kern der Gruppe, wenn es darum geht, die Gruppe zu zersetzen, sie an der Durchführung gemeinsamer Aktionen zu hindern oder den IM mehr in den Mittelpunkt der Gruppe zu rücken.“ 30

Die Ziele, die das MfS mit seiner Tätigkeit verfolgte, waren unterschiedlich, es lassen sich jedoch Parallelen herausarbeiten. Im Jargon des MfS praktizierte man beispielsweise mit psychologischen Mitteln ‚Desinformation’ und verstand darunter Folgendes:

„bewußte Verbreitung von den Tatsachen grundsätzlich oder teilweise widersprechenden Informationen durch Wort, Schrift, Bild oder Handlungen […] mit dem Ziel, […] zu lenken, […] zu verunsichern, […] zu lähmen.“ 31

Hatte man auf diese Art und Weise erst einmal Orientierung und Regulation, gemäß der eingangs wiedergegebenen Definitionen, ausgeschalten, so konnte man Menschen manipulieren und sie zu einem Verhalten zwingen, das der vorgetäuschten und damit MfS-gewollten Realität entsprach.

4.2.3 Aufgaben und Arbeitsmethoden

Neben der Begriffsbestimmung und der Auffächerung der Psychologie in ihre unterschiedlichen Zweige spielen natürlich auch die Aufgaben der operativen Psychologie eine große Rolle, wobei sich die Unterschiede schon sehr verwischen. So hieß es dazu:

„Die Psychologie untersucht und erforscht folglich alle Probleme, die für die richtige Lenkung, Leitung und Erziehung von Menschen unerlässlich sind.“ 32

Das wiederum setze

„… Klarheit in ideologischen Fragen der Arbeit mit den Menschen voraus, bedingt differenzierte Kenntnis der Persönlichkeitseigenschaften, erfordert das Wissen um das dialektische Wechselverhältnis von äußeren Einwirkungen und inneren Bedingungen sowie die Beherrschung pädagogisch-psychologischer Gesetzmäßigkeiten der Entwicklung und Erziehung der Persönlichkeit. Abhängig von Inhalt und verfolgtem Klasseninteresse erfolgt die Beeinflussung meist in Form des Überzeugens, Belehrens, positiven/negativen Sanktionierens, des Überredens, der Suggestion und Manipulation.“

„Darüber hinaus wird die Ansprechbarkeit je nach individueller Ausprägung durch die von den Temperamentsqualitäten und Gefühlsausstattungen bedingte allgemeine Erregbarkeit (emotionale Ansprechbarkeit) wie auch von der Einsichts- und Erkenntnisfähigkeit abhängige geistige Erregbarkeit (rationale Ansprechbarkeit) beeinflusst. In der operativen Arbeit ist die unterschiedliche Ansprechbarkeit zu beachten bei der Gewinnung von IM und GMS, bei der Auftragserteilung, bei der Herstellung und Nutzung offizieller Kontakte sowie für die Durchführung von Ermittlungen und den Einsatz von Legenden.“ 33 voraus.

So wurde die Verwendung psychologischer Erkenntnisse für das MfS begründet. Deswegen, so können wir rückblickend feststellen, war es neben der allgemeinen Wesensbestimmung auch wichtig und notwendig, bestimmte Prozesse voneinander abzugrenzen.

Über allem thronte in der MfS-Wahrnehmung das Prinzip der psychophysischen Einheit, nach welchem

„… schon die einfachste menschliche Handlung gleichzeitig auf irgendeine Art ein psychischer Akt ist, der mit Erlebnissen und Gefühlen durchdrungen ist und die Beziehungen des handelnden Menschen zu anderen Menschen und zu seiner Umwelt ausdrückt“,

„… kommt es darauf an, daß sich jeder Mitarbeiter einen so starken Willen und eine solch ausgeprägte Selbstbeherrschung anerzieht, die es ihm ermöglichen, in jeder Situation Herr seiner Regungen und Gefühle zu sein.“ 34

Um solche und andere allgemeinen Zielstellungen bearbeiten zu können, bedurfte es differenter Methoden innerhalb der ‚Wissenschaft’ von der operativen Psychologie. Es wurden folgende Aspekte unterschieden: 35

Methode Beschreibung
Beobachtung - beobachten bzw. analysieren von Gesprächen bzw. Aussagen
- Selbstbeobachtung mehr oder weniger ausgeklammert
Exploration „Das Endziel aller Befragungen ist in der Arbeit des MfS der Schutz der sozialistischen Errungenschaften durch Liquidierung des Feindes.“
Experiment „Will z.B. der operative Mitarbeiter das Reagieren einer spionageverdächtigen Person durch Schaffung von Möglichkeiten, die dieser Person den Zugang zu angeblich wichtigen Materialien gewähren, überprüfen, so besteht das Wesen des Experimentes darin, daß solche Bedingungen geschaffen werden, die den natürlichen Gelegenheiten entsprechen und die betreffende Person keinerlei Verdacht schöpft.“„In der Arbeit des MfS dient das Experiment als Bestandteil der operative Kombination nicht schlechthin zur Feststellung der psychischen Prozesse, sondern muss sich dem Ziel der jeweiligen operativen Kombination unterordnen.“
biographische Methode „Ausgangsmaterialien für die Analyse sind demzufolge aus der Gesamtheit der über die Person existierenden Unterlagen zu entnehmen, wie z.B. Geburtsurkunde, Schulzeugnisse, Personalfragebogen, Beurteilungen verschiedenster Art, selbstgeschriebene Lebensläufe, Stellungnahmen, VP-Unterlagen, Gerichtsakten, Unterlagen von medizinischen Einrichtungen [so viel zu ärztlichen Schweigepflicht, Anm. d. Verf.], Versicherungen und Banken, Karteien und Dokumente anderer staatlicher Einrichtungen sowie sämtliche Unterlagen des MfS zur Person.
Aus dieser Vielzahl der Unterlagen sind zielgerichtet Angaben über die Persönlichkeit aufzuspüren und zu sammeln … Die Möglichkeit einer breiten Anwendung der biographischen Methode in der Arbeit an operativ interessierenden Personen und in der Kaderarbeit beruht auf den ergiebigen und umfassenden Möglichkeiten zur Erlangung notwendiger Unterlagen über Personen durch unser Organ.“
36

Zuletzt geht das bis hier oft zitierte Lehrheft auf die Bedeutung der Psychologie ein: 37

- zur „Weiterentwicklung einer ‚wirklich wissenschaftlich fundierten Weltanschauung der Mitarbeiter des MfS“,
- als „scharfe Waffe gegen die bürgerliche Vererbungstheorie, gegen Aberglauben und religiöse Vorurteile“ (S. 60),
- als Hilfe, „andere Menschen zu verstehen, sie richtig einschätzen zu müssen, auf sie einzuwirken oder sie zu großen Leistungen anzuspornen“,
- um bei IM „die positiven Eigenschaften fördern und die negativen aberziehen“ zu können,
- als Grundlage, „bestimmte Widersprüche von Wort und Tat oder andere Unzulänglichkeiten richtig einzuschätzen und feindliche Elemente im Netz der inoffiziellen Mitarbeiter (Doppelgänger, Doppelzüngler, Provokateure) leichter zu erkennen und zu liquidieren“ (S. 62),
- die Möglichkeit „einer Einleitung solcher Maßnahmen, die auf den wirklichen Eigenschaften und Interessen dieser Personen fußen und bei der Auswahl wirkungsvoller Legenden“,
- sie dient „dem besseren Studium des Häftlings, seines Verhaltens und Reagierens und hilft damit dem Mitarbeiter, bei der Auswahl der richtigen Methoden zur Erlangung des Geständnisses. Die Psychologie bietet dem Mitarbeiter die Möglichkeit sich rasch im Gefühlsleben des Häftlings zurechtzufinden und ihn im Sinne der Erlangung des Geständnisses zu beeinflussen“ (S.63) und schließlich
- komme ihr „die Aufgabe der Selbsterziehung des Mitarbeiters ‚zu einem willensstarken und standhaften Offizier der Organe für Staatssicherheit und damit zu einem treuen Kämpfer für die Sache der Arbeiterklasse“ zu.

Insgesamt lässt sich aus diesen Darstellungen zu den theoretischen Grundlagen der Operativen Psychologie ableiten, dass man weitestgehend die aktuellen Erkenntnisse der wissenschaftlichen Psychologie für die gezielte Manipulation von Menschen nutzen wollte. Es galt, falsch ‚geformte’ Menschen solange zu ‚bearbeiten’, wie es im MfS-Jargon hieß, bis ihre negative oder feindliche Einstellung gegenüber dem Sozialismus abgebaut wäre. Dazu, so glaubte man, musste die Seele, die Persönlichkeit des Menschen in ihrem Kern erkannt und verändert werden. Und man sah sich dazu in der Lage. Welches Menschenbild in einer solchen Institution wie dem Ministerium für Staatssicherheit vorherrschen muss, um solche Theorien ernsthaft vertreten zu können, zeigt der folgende Abschnitt.


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