4.1 Die marxistisch-leninistische Ausrichtung

„Der VI. Parteitag der SED forderte die psychologischen Wissenschaftler auf, sich nachdrücklich um die Gestaltung einer marxistischen Psychologie zu bemühen.“1

Dieser Aufforderung folgte nicht nur die akademische Psychologie, sondern in noch stärkerem Maße die Operative Psychologie des Ministeriums für Staatssicherheit. Das bedeutete in erster Linie eine Übernahme des Dialektischen Materialismus. Die dabei aufgeworfene Frage, ob denn der Idealismus oder eben der Materialismus die richtige Lösung für die Beschreibung des Psychischen sei, wurde absolut beantwortet:

„Die wissenschaftliche Lösung der Frage über das Wesen der Psyche gibt allein die marxistisch-leninistische Philosophie. […] Die Psyche kann weder als vom Hirn losgelöste Ideen existieren, wie die Idealisten behaupten, noch in Form irgendwelcher ‚Absonderungen’ des Gehirns, wie dies die Vulgärmaterialisten vertreten.“2

Dem Materialismus zufolge, schrieb F.G. Jegorow in einem Buch über die Militärpsychologie, „liegt allem Existierenden eine einzige Wesenheit zugrunde, die Materie. Das Bewusstsein dagegen, das Denken, ist sekundär und von der Materie abgeleitet. […] Die Psychik ist nach der Lehre der Klassiker des Marxismus-Leninismus das höchste Produkt der Materie.“3

Interessant ist in diesem Zusammenhang das neu erschaffene Kunstwort „Psychik“. Es erinnert stark an Worte aus der Technik wie „Mechanik“, „Automatik“ usw. Damit zeigt dieses Buch, das von der DDR aus der Sowjetunion übernommen wurde, neben den offensichtlichen Abgrenzungsversuchen von der bisherigen (bzw. in Westdeutschland noch immer praktizierten) bürgerlichen Psychologie auch die Bemühungen hin zu einer Psychologie des ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden, die eine Berechenbarkeit des menschlichen Seelenlebens forderte. Im bereits eingangs zitierten Lehrmaterial der Humboldtuniversität heißt es zum gesellschaftlichen Auftrag der Psychologie: Gegenüber der BRD

„ist die Funktion der Psychologie in der DDR aus den Aufgaben und Bedingungen des sozialistischen Aufbaus abzuleiten. In der Eröffnungsansprache auf dem 1. Kongreß der Gesellschaft für Psychologie in der DDR (1964 in Dresden) wurde für die Psychologie die Aufgabe gestellt: Es geht ‚um die Verwirklichung der großen Ziele des sozialistischen Humanismus, die nicht anders erreicht werden als über die volle Beherrschung der Produktion, in der die Wissenschaft unmittelbare Produktivkraft geworden ist.’“4

Die Juristische Hochschule Potsdam erläuterte in den „Grundlagen der marxistisch-leninistischen Psychologie“, Psychologie beschäftige sich damit, „…wie das, was aus der gesellschaftlichen und natürlichen Umwelt auf den Menschen einwirkt, durch seine Psyche aufgenommen und verarbeitet wird; letztendlich wie sich die objektive Realität im Menschen widerspiegelt und wie er sich mit ihr auseinandersetzt…“5 Wir sehen hier, einige Jahre später, dass der Begriff Psychik aus dem offiziellen Sprachgebrauch wieder verschwunden war, was eine Öffnung auch bürgerlichen Inhalten gegenüber nahe legt.

Insgesamt ist festzuhalten, dass die Wissenschaften im Allgemeinen sowie die Psychologie im Besonderen durch ideologische Vorgaben stark eingeschränkt waren. Eine freie Forschung war zwar möglich, doch stets nur von einem festgelegten Ausgangspunkt her. Alles andere wurde als bürgerliche Psychologie diffamiert, von der man sich um jeden Preis abgrenzen wollte. Speziell dazu gibt es ausführliche Erörterungen der JHS, die hier nur beispielhaft ausgeführt werden sollen:

„Diese Theorien der bürgerlichen Psychologie von der Persönlichkeit sind als theoretische Stütze der feindlichen Ideologie zu werten und ordnen sich praktisch in das Inventar und die Maßnahmen des Antikommunismus und Antisowjetismus ein. […] Die systematische Nutzung der Psychologie durch den Feind ist eine gefährliche und nicht zu unterschätzende Tendenz. [… Sie] gehört zu den Wissenschaften, die in den ‚Gehirntrusts’ der kommerziellen und politischen Führungsgremien der staatsmonopolistischen Gesellschaft eingebaut sind.“6

Zu diesem Zweck flossen in alle Ausführungen des MfS zum Thema immer wieder Zitate Lenins der Marx’ ein, mit denen ein Bezug zur Ideologie hergestellt werden sollte. Dies war insbesondere nach 1957 der Fall, wie Holger Richter nachweist. In diesem Jahr hatte es heftige Diskussionen über eine Publikation gegeben, die als nicht-marxistisch gewertet wurde. Um einem solchen Streit für die Zukunft zu entgehen, legte man schlicht fest, dass jeder Wissenschaftler parteiischer Marxist sei und als solcher den richtigen Klassenstandpunkt zu vertreten habe. Fortan galt „fehlende oder unzureichende Rezeption der Schriften des Marxismus-Leninismus7 als verwerflich. Es mussten (in jeder Arbeit!) „Unterschiede zwischen der sozialistischen und der kapitalistischen Gesellschaft [und …] das Neue im Verhalten des sozialistischen Menschen [herausgearbeitet sowie] eine Terminologie, die sich von den bürgerlichen Auffassungen und vom politischen Sprachgebrauch der BRD abgrenzt“ verwendet werden.8


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