3. Quellenlage und Forschungsstand

Von 177 km originalem Quellenmaterial spricht Holger Richter in seinem Buch „Die Operative Psychologie des Ministeriums für Staatssicherheit“, die sich in den Beständen der BStU befänden und sich in irgendeiner Form mit Psychologie und Menschenbild der Staatssicherheit befassen. Diese Zahl macht deutlich, worin eines der grundlegenden Probleme der Arbeit an diesem Thema liegt: in der Fülle von Informationen. Dennoch gibt es zwei sehr grundlegende Werke, die sich an eine erste Analyse gewagt haben, aber ausdrücklich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Es liege zu viel Material vor, als dass ein Forscher allein es aufarbeiten könnte.

Dies ist die Meinung Holger Richters, in „Die Operative Psychologie des Ministeriums für Staatssicherheit in der DDR“ (2001), einem dieser beiden Bücher. Richter gibt einen umfassenden Überblick über den Forschungsstand, bietet Zugänge zur Literatur, erläutert den historischen Kontext, erklärt Basistheorien und Wortgebrauch des MfS und führt eine erste Strukturierung des Themas durch. Dazu wertete er die von der JHS bzw. dem MfS überlieferte Literatur aus, indem er beispielsweise die Schwerpunkte der Operativen Psychologie über die Anzahl der hierzu geschriebenen Dissertationen und Lehrhefte verglichen mit der Gesamtzahl ermittelte. Diese statistischen Werte gibt er wieder und erläutert so Selbstverständnis und Vorgehen der Staatssicherheit. In der vorliegenden Ausarbeitung wird daher häufig auf Richter zurückgegriffen.

Ein weiteres sehr wichtiges Buch stammt von Klaus Behnke und Jürgen Fuchs und trägt den treffenden Titel „Zersetzung der Seele. Psychologie und Psychiatrie im Dienste der Staatssicherheit“ (1995). Darin haben die beiden eine Reihe von Essays verschiedener Autoren gesammelt, die sich mit den spezifischen Bereichen der Psychologie beschäftigen. Viele Artikel sind aus leidvollen persönlichen Erfahrungen entstanden und vermitteln so einen authentischen, dafür aber etwas weniger wissenschaftlichen Blick. Viele Beispiele aus sehr unterschiedlichen Themenbereichen machten diese Lektüre besonders interessant.

„Eingesperrt und nie mehr frei. Psychisches Leiden nach politischer Haft in der DDR“ (1996) von Stefan Priebe, Doris Denis und Michael Bauer beschäftigt sich nur in zweiter Linie mit den Folgeschäden der Operativen Psychologie. Da aber auch deren Entstehungsursachen und damit zum Teil sogar die eigentlichen Vorgänge und Geschehnisse beleuchtet werden, war das Werk in Teilen nutzbar.

Wider erwarten stellte das Buch „‚... und wann kommt der Hammer?’. Psychologie, Opposition und Staatssicherheit“ (1995) von Jürgen Fuchs bei der vorliegenden Zielstellung keine große Hilfe dar. Einzig der erste Artikel, ein Interview, konnte ergänzend zur Ausarbeitung genutzt werden. Fuchs geht es insgesamt weniger um Fakten und Forschungserkenntnisse, als um persönliche Einschätzungen und Meinungen. Diese sind aber, insbesondere da Fuchs selbst Psychologe ist, durchaus interessant.

Als umso wertvoller erwies sich unerwartet „Zersetzen. Strategie einer Diktatur“ (2003) von Sandra Pingel-Schliemann. Es beschäftigt sich zwar nicht spezifisch mit Operativer Psychologie, aber da der Zersetzungsvorgang zu deren Zielen gehörte, konnte es wertvolle Beispiele und Ergänzungen zur Arbeit liefern. Außerdem zeigt es einen gewissen Rahmen auf, innerhalb dessen sich „Zersetzung“ im alltäglichen Leben von Menschen abspielte.

Bei Sonja Süß, deren Name auch in der bisher genannten Literatur des Öfteren auftaucht, handelt es sich um eine Autorin, die sich insbesondere mit der Psychiatrie in der DDR auseinandergesetzt zu haben scheint. Der geneigte Leser kann ihre Werke studieren, um sich einen vertiefenden Einblick, insbesondere in die Psychiatrie in der DDR und ihr Verhältnis zum MfS, zu verschaffen.

Neben dieser doch recht zahlreichen Sekundärliteratur stand auch einiges an Primärliteratur zur Verfügung. Dabei war besonders das „Wörterbuch der Staatssicherheit“ (1985), herausgegeben von der BStU, ungemein nützlich. Es vermittelt einen hervorragenden Eindruck vom Verständnis des MfS bezüglich seiner Arbeit. So werden Begriffe wie „Operativer Vorgang“, „Zersetzung“ oder auch „negative Persönlichkeitseigenschaften“ erläutert und bewertet. Außerdem lieferten noch andere primärliterarische Bücher Stichworte, die aufgegriffen werden konnten. Da sie sich allerdings thematisch mit etwas anderem als der operativen Psychologie beschäftigen, wurden sie nur am Rande genutzt.

Es handelt sich um:
- „Militärpsychologie“ (1957) von Prof. F. G. Jegorow
- „Strafvollzugspsychologie“ (1978) von einem Autorenteam
- „Grundzüge psychischer Prozesse“ (1969) von Dipl.-Psych. Herbert Gäbler
- „Psychologie im Sozialismus“ (1980) von Adolf Kossakowski

Zusätzlich konnte im Verlaufe des Projektes weitere Primärliteratur erschlossen werden. Da ein entsprechender Antrag bei der BStU aus zeitlichen Gründen als Option entfiel, rückten andere Beschaffungsmöglichkeiten in den Fokus des Interesses. Weil eine punktuelle Recherche notwendig war, wurden ersatzweise bei Personen bzw. Institutionen, die sich bereits mit der Thematik auseinandergesetzt haben, Materialien nachgefragt. So kam beispielsweise die Robert-Havemann-Gesellschaft in Frage, bei der Sandra Pingel-Schliemann publiziert hat. Bestimmte Akten konnten insbesondere für eine Verwendung bei Ausstellungstafeln zur Verfügung gestellt werden.

An dieser Stelle sei Dr. Holger Richter herzlich gedankt, der mir durch seine Hilfe einen sehr guten Zugang zur Literatur ermöglicht hat. Ohne ihn und sein Buch hätte außerdem die gesamte Arbeit nicht entstehen können.

Insgesamt muss konstatiert werden, dass die Beschäftigung mit dem Thema die Schwierigkeit der klaren Konturierung und Differenzierung aufweist. Ein wichtiger Punkt war es, sich tatsächlich auf die Operative Psychologie zu beschränken und nicht etwa abzugleiten in allgemeine Praktiken des MfS. Außerdem muss beispielsweise in den meisten Fällen getrennt werden zwischen der Psychologie des MfS und der wissenschaftlichen. Das war allerdings nicht immer leicht, da sich beide verzahnen und zum Teil gemeinsam dargestellt werden mussten. Ein Nachteil des bisherigen Forschungsstandes waren die doch recht wenigen wirklich nützlichen Literaturen. Daraus ergab sich für die Arbeit der Nachteil langer oder immer der gleichen Quelle entnommener Zitate. Angesichts der Zielstellung und der nun einmal kaum gegebenen Verfügbarkeit von Primärliteratur musste dies jedoch in Kauf genommen werden. Zudem sollte der Mangel z.B. durch das Führen von Interviews beseitigt werden, da so neue Quellen erschlossen werden.


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