2. Einleitung

„Der Plan sah vor, während der Arbeits- bzw. Schulzeit in die Wohnung einzudringen und Wertsachen (bestenfalls Geld) in der persönlichen Habe der Eltern zu finden, deren Abhandenkommen auffällig war. Diese sollten dann an geeigneter Stelle im Kinderzimmer so versteckt werden, dass sie für die Eltern auffindbar waren und das Kind in den Verdacht brachten, seine Eltern bestohlen zu haben. Der operative Vorgang hatte die Entfremdung der Eltern von ihrem Kind zum Ziel.“

Dieses Vorhaben, das hier in komprimierter Form dargestellt wurde, ist tatsächlich ein Plan des Ministeriums für Staatssicherheit in der DDR (MfS) gewesen. Es stellt eine der unzähligen makaberen Szenarien dar, die der Staatssicherheit zur „Zersetzung“ feindlich-negativer Personen praktikabel erschienen. Glücklicherweise blieb es in diesem Fall beim Plan; in vielen Situationen aber bereite das MfS den Zersetzungsvorgang nicht nur vor, sondern führte ihn auch durch.

Als Grundlage für diesen „Angriff auf die Seele“ (Jürgen Fuchs) diente die so genannte „Operative Psychologie“. Mit Hilfe dieser teilweise an die akademische Psychologie angelehnten „Wissenschaft“ wollte die Staatssicherheit verstehen, wie Menschen funktionieren, um sie danach manipulieren und bestenfalls lenken zu können. So sollten oppositionelle „Persönlichkeitseigenschaften“ ausgemerzt werden zur Schaffung eines durch und durch sozialistischen Bewusstseins.

Zur Verwirklichung dieses Zieles wurde an der Juristischen Hochschule Potsdam (JHS), der Schule des Ministeriums für Staatssicherheit, ein eigener Lehrstuhl für das Fach geschaffen. Trotz seines vergleichsweise geringen Anteils an der gesamten Ausbildung schulte er die Absolventen darin, Menschen zu durchschauen, ihr Verhalten zu steuern und sogar die Persönlichkeit zu verändern. Es wird in der vorliegenden Arbeit darum gehen, was genau die Inhalte der „Operativen Psychologie“ waren und mit welchen Kenntnissen und Fähigkeiten die späteren Mitarbeiter des MfS ihre Tätigkeit aufnahmen.

In jedem Fall zählte die Arbeit mit den IM ebenso wie die eigentliche Zersetzungsarbeit zum täglichen Geschäft der operativen Kräfte. Eine sehr große Rolle spielte dabei das Vertrauen, das als Dreh- und Angelpunkt der konspirativen Bearbeitung missbraucht wurde. Wie es gelang, IM zu gewinnen und dauerhaft an sich zu binden und durch welche Methoden und Vorgehensweise die Seele von Menschen, insbesondere auch von politischen Häftlingen, angegriffen wurde, wird genauso eine Fragestellung sein, wie die theoretischen Grundlagen und Vorüberlegungen hierzu. Auch die grundsätzliche Überlegung, wer eigentlich ein Feind ist und woran man ihn erkennt, spielte in die Operative Psychologie mit hinein und wird untersucht werden.

Heute, 18 Jahre nach der Friedlichen Revolution, sind diese Praktiken des MfS für viele Deutsche bereits in Vergessenheit geraten – wenn sie denn überhaupt jemals Gegenstand von Betrachtungen gewesen sind. Die Öffentlichkeit nimmt es höchstens noch wahr, wenn ehemalige Inhaftierte sich mit Behörden um Gelder und Entschädigungen streiten oder ehemalige MfS-Mitarbeiter in hochrangigen gesellschaftlichen Positionen entlarvt werden. Doch es gibt auch eine große Zahl von Menschen, deren Leben nie wieder so sein wird wie früher. Sie leiden an psychischen oder physischen Folgeschäden, ihr Leben ist zerstört und ohne eine therapeutische Behandlung haben sie keine Chance, jemals ein Leben wie vor der „operativen Bearbeitung“ zu führen. Die wichtigsten Studien hierzu aus den neunziger Jahren sowie in Abrissen auch spätere werden den Schlusspunkt der Ausarbeitung markieren.


zurück
Inhaltsverzeichnis
weiter